015. Atheistische Islamkritik als Fallstrick

015

So genannte Ex-Muslime

Holzweg Atheismus

Atheismus wartet

auf Kritik

Warum

nachhaltige Islamkritik

nicht atheistisch sein

sollte

von Jacques Auvergne

Die im 20. Jahrhundert entstandene manichäische Ersatzreligion des Trotzkismus hat mit Emanzipation, mit Demokratie wie mit Individualität wenig zu tun. Doch genau hier ähneln sich Trotzkisten und Islamisten verblüffend. Ohnehin scheint ein persönliches Oszillieren zwischen Vulgärmarxismus, Nationalismus und Islamismus unter kemalistischen oder baathistischen Intellektuellen gehäuft vorzukommen und mag ein jeder islamischer Marxismus eine Seite der kollektivistischen Medaille sein, die bei Bedarf umgedreht wird und uns statt des roten Sternes wieder die Medaillenseite des Krummsäbels der Scharia zeigt.

Gut, wenn jemand nein zur Theokratie und ja zur Demokratie sagt. Auch gut, wenn jemand durch atheistische Lebensphasen geht oder den Atheismus als eine der vielen (!) Wurzeln der säkularen kulturellen Moderne erkennt.

Säkularisten fordern, Religion bzw. Nichtreligion als etwas Privates zu ansehen. Religion als etwas Privates, da sind Ketzermord und Hexenverbrennung wohl überwunden. Da sind der Tribalismus einer halbmodernen Ethno-Gefolgschaft, ’ich wähle den Kandidaten, weil er aus meiner Ethnie stammt’, ebenso überwunden wie der kulturelle Familialismus mit seinem Lebensmotto ’ich habe die religiösen Ansichten meines schariagläubigen Urgroßvaters’. Ex-muslimische Atheisten verspotten in der Hauptsache aber alle Religion, wie sich das für ideologisch reine Atheistinnen und Atheisten gehört. Sicherlich, auch der Spott über Religion hat Europa weiter gebracht, atheistisches Denken hielt und hält den Klerus auf Trab. Doch um religionskritisch zu sein, braucht man der Ersatzreligion Atheismus nicht anzugehören.

Religion als etwas Privates. Deine, meine, ihre und seine Religion, das klingt nach demokratischer Zivilisation, nach kultureller Moderne, doch dem müssen wohl Jahrhunderte der bürgerlichen Kultur vorausgehen. In der Türkei aber gibt es kein Bürgertum. Weshalb Kleinasien noch auf mindestens 3 bis 4 Generationen nicht in die EU kommen kann.

Das europäische Bürgertum begann mit dem norditalienischen Kaufmannswesen und mit der Hanse, zeitgleich mit dem Ergreifen von Hochkultur wie Religion durch die Bürger in Renaissance, Reformation, Aufklärung, Nationalromantik und Totalitarismuskritik. Nach vielen Generationen der Kämpfe gegen Klerus und Feudalsystem wurden von den Bürgern (und evtl. bereits sogar von den Bürgerinnen) Sinnquellen ergriffen und heilige Texte selbst gelesen, wurden Priester ausgebildet, es wurde über Pädagogik nachgedacht, es wurde die Sozialisation reflektiert, kritisiert und verändert. Atheistische Ideen waren das Salz in der Suppe und der Stachel im Fleisch, sie begleiteten den Prozess der Säkularisation Europas. Unter Stalin und Mao jedoch zeigte der Atheismus sein anderes Gesicht, vielleicht sein wahres Gesicht: Atheismus als Staatsideologie, Atheismus als Instrument staatlichen Terrors.

Scharia wie Atheismus sind auf Totalität hin entworfen, auf staatlichen Terrorismus. Scharia wie Atheismus greifen Mythen und Seele an, greifen die Individualität des Menschen an. Seelische Vielfalt wird verspottet, es gäbe Wege, die diabolischen Verunreinigungen abzulegen. Clear werden nennen das die totalitären Scientologen, die mit Individualität oder Demokratie erklärtermaßen wenig im Sinn haben. Gottesfürchtig sagen die monotheistischen Fundamentalisten, rituell sauber, halal, rein von Kufr, unbefleckt von Unglauben. Das sind sie, die in den orientalischen Despotien mit und nach Zarathustra und Mani entstandenen kranken Weltbilder des ’Manichäismus’, wie Harald Strohm in seinem für jede Totalitarismuskritik (also auch: Islamkritik) unverzichtbaren Die Gnosis und der Nationalsozialismus richtig herausarbeitet. Islam ist gerade kein Mythos, Islam ist politischer Totalitarismus, Manichäismus.

Der Teufel der Islamisten ist der Jude, der Polytheist, der Mythenfreund, der oder die Homosexuelle. Der uneingestandene Teufel der radikalen Atheisten, man lese Stalin oder Mao, ist der mythologisch Kundige, der Märchenfreund, der wirklich freie Künstler, der kreative Geist.

Manichäismus ist das Zerschellen der antiken wie naturreligiösen Weltvertrautheit und Weltheimischkeit. Manichäismus ist das Zerbrechen der in jedem Ding Gestalt annehmenden Berührung von Göttlichkeit und Weltlichkeit, Brahman und Atman, Kosmos und Pantheon. Manichäismus ist die Lehre der in Licht und Finsternis verfeindeten Welt. Das Welt- und Lebensgefühl von Mohammed war ganz und gar manichäisch. Kranke Text‑Zeugnisse wie die von al‑Qaida nach dem Muster ’ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod’, Zeugnisse wie der perverse aber hochinteressante Drohbrief auf dem geradezu ’sakral geopferten’ ermordeten holländischen Filmemacher Theo van Gogh sind manichäische Textdokumente.

Manichäismus ist Lehrmethode, Scharia wie Maoismus werden schulisch gelehrt. Ideologie wird immer schulisch gelehrt, die mit ihrem ’Teufel Jude, Teufel Homosexueller, Teufel Nichteuropäer’ durchaus manichäisch zu nennenden Nationalsozialisten entwickelten da prägende Bildungssysteme, HJ und BdM, Ordensburgen und Napola.

Im Orient ist Schule entweder theokratische Koranschule mit bronzezeitlichem Weltbild oder aber Schule der hauptstädtischen Militärverwaltung. Bildung im Islam schwankt beziehungsweise schillert zwischen Scharia und ’Reform von oben’, zwischen Koranschule und ’Ersatzreligion Präsidialkult’. Der Kemalismus sollte mit dem Werkzeug Schule Kurdistan kolonialisieren, die Baath‑Partei die orientalischen Juden, Christen und Jesiden handzahm halten. Leider ist, bislang jedenfalls Schulsystem im Orient weit entfernt selbst von der einstigen Schule im Viktorianismus und Wilhelminismus gewesen.

Tüchtige und mutige einzelne Lehrerinnen und Lehrer gibt es zwischen Kairo und Kabul natürlich auch, und die dürfen wir nicht allein lassen. Die Reformpädagogen wie Pestalozzi, Hahn und Luserke hatten es schwer, und auch Werkbund und Bauhaus litten unter Fundamentalismus und Nationalsozialismus. In Afghanistan sind in den letzten Jahren wiederholt Mädchenschulen angegriffen worden. Frauen sollen nicht frei fühlen und frei fühlen dürfen.

Religion als persönliche Spiritualität zu gestalten, das verlangt ein halbwegs intaktes Umfeld, eine gute Bildung und eine charakterliche Reife. Atheistinnen und Atheisten, wie sehr man ihre oft erfrischende Aufsässigkeit würdigen kann, sie drücken sich um diesen Schritt. Derart lassen atheistisch Denkende die unzählig vielen Opfer der patriarchalen Clans, Wagenburgen und Milieus alleine. So arbeiten Atheistinnen und Atheisten dem neuen oder auch alten islamischen Fundamentalismus zu.

Der Islam greift plurale Weltbilder an, der Islam attackiert die Vielfalt der Welt- und Gottesbilder. Die orientalischen Atheisten geben vor, das nicht zu verstehen, und attackieren das letzte verblieben Bild von Gott, das islamische.

Ein krankes Welt- bzw. Gottesbild kann immerhin noch gesunden, was wir als Nichtmuslime oder auch Muslime dem weltweiten Scharia‑Islam wünschen. Der Atheismus jedoch ist ’kulturelle Moderne auf Knopfdruck’. Der Atheismus leugnet den Schmerz und verspricht ein irdisches Seelen‑Paradies. Stalin, Hitler, Mao, Hubbard: die jeweilige pseudo‑säkulare Version des Nirwana. Die Scientologen tun es den Atheisten hier gleich, auch sie behaupten, die höchste Stufe des Menschseins zugänglich zu machen.

Islam ist Hass auf Mythologie, einen letzten monopolistischen Mythos oder vielmehr bereits Nichtmythos an die Stelle der antiken bunten Göttinnen- und Götterlegenden setzend. Der islamkritische Atheismus greift diese jüngste orientalische Konstruktion scheinbar an. Das mag zu einer Humanität hin befreien – oder auch nicht.

Der Atheismus ist in seiner Totalität aus der Arroganz des Zoroastrismus und Manichäismus nicht wirklich heraus gekommen. Folgerichtig fanden im Namen des osteuropäischen und asiatischen Atheismus unter Stalin und Mao mit die schlimmsten Gräuel der Menschheitsgeschichte statt.

Baath‑Partei und libyscher Planstaat, Halabja und Lockerbie. Saddam Hussein wie Gaddafi köderten die zivilisationskritische europäische Linke mit sozialistischen Formeln, legten bisweilen sogar atheistische bzw. säkular‑modernistische Attitüden an den Tag. Als es dem vorgeblich modernen Hussein kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner an den Kragen ging begann Hussein damit, öffentlichkeitswirksam ehrwürdige Moscheen zu betreten, gewandet in islamkompatible Kittel. Er, den man eineinhalb Jahrzehnte lang nur in militärischer Uniform gesehen hat. Der schrille Dandy Gaddafi, des Flugzeugsprengens seit Lockerbie erwiesenermaßen fähig und 2007 rätselhafterweise Dialogpartner für Europas Regierungen, ließ ein sozialistisch anmutendes und an Maos ’kleines rotes Buch’ erinnerndes Staatsprogramm erstellen, ein Koranprovisorium, ein Koransubstitut.

Ein fürchterlicher Verdacht drängt sich auf: osteuropäische, nahöstliche und nordafrikanische Atheisten sind Muslime² – Quadratmuslime. Bricht der manichäische verneinte Gott der Atheisten zusammen, dann kommt Allah heraus.

Jacques Auvergne

4 Antworten to “015. Atheistische Islamkritik als Fallstrick”

  1. Stefan Says:

    Ich muss gestehen, dass mir das Lesen des Textes schwer gefallen ist.

    Es kommt mir vor, als werden möglichst alle soziologisch angehauchten Vokabeln mit Staatsoberhäuptern und Ideologien in einen Topf geworfen, umgerührt und das ganze dann hübsch um die Grundaussage „Atheismus ist dumm und spielt dem Islam in die Hände“ dekoriert.

    Darüber hinaus erscheinen mir einige der Aussagen bzgl. des Atheismus zu pauschal, falsch oder zumindest grob vereinfachend.

  2. Jacques Auvergne Says:

    Nun ja, ist etwas kryptisch. Wir haben türkische und persische Patentmarxisten im Bekanntenkreis, daher wohl die Skepsis.

    Grundsätzlich ist Atheismus sicher eine der ganz
    belebenden Quellen der offenen Gesellschaft (solange
    es ein Dutzend andere gibt) und
    eine der Wurzeln der heutigen Demokratie(n).

    Nun: Nach dem Vortrag von Mina Ahadi, den ich am
    1.12. in Köln hören dürfte, würde ich solche
    Frechheiten wohl so nicht mehr schreiben.
    Dazu ist das Mitdenken und Mitarbeiten von
    atheistisch denkenden Menschen gegen
    den Polit-Islam / Scharia-Islam
    einfach zu bedeutsam.

    Lesetipp: Harald Strohm:
    Die Gnosis und der Nationalsozialismus;
    bei Suhrkamp Taschenbuch, war aber
    zeitweilig mal nicht lieferbar. Das Buch
    mag meine Intention von vor 3 Monaten
    etwas erhellen … Gotteskult und
    Gotteshass als zwei Seiten der selben
    Medaille Manichäismus / Weltekel zu sehen.

    Natürlich braucht Gott Spott und bin ich
    anfallsweise gerne mal Götterspötter.

    Jacques Auvergne

  3. Stefan Says:

    Das hört sich für mich ja schon deutlich realitätsnäher an.🙂

    Obwohl (oder gerade als?) Atheist hasse ich Gott nicht. Warum auch?

    Mir war nur der ursprüngliche Beitrag von Dir etwas zu pauschal.

  4. Jacques Auvergne Says:

    Fein. Günter Wallraff, Mina Ahadi, Ralf Giordano u.v.a.m.
    wollen 2008 hier und da zu einer „kritischen Islamkonferenz“
    einladen, unterstützt von der Giordano-Bruno-Stiftung
    und damit dem Sympathisantenkreis von Karlheinz Deschner,
    dem Trierer Professor Schmidt-Salomon und so weiter.
    Theokratie meets Atheismus. Mit dabei natürlich das
    Forum der Ex-Muslime. Dem Allâh stehen die Haare
    zu Berge, guckstu! Wir indes sollten hingehen …

    Na, ob ein Atheist nicht doch Vorbehalte gegenüber
    Zeus und Aphrodite hat? Freilich, Götter sind
    Projektionen. Einen atheistischen inneren Horizont
    werden selbst Goethe, Thoreau oder Hesse gehabt
    haben – die sich interessanterweise als religiöse
    Menschen verstanden, bei allem Nonkonformismus,
    Individualismus und bei aller Kreativität.

    Eine Idee: Wenn ich sagen würde, ich sei kein
    Experte für Religiöses, dann freuen sich
    Ayatollah und Papst – die hätten dann das
    ‚Monopol auf Religion.‘ Das mach ich denen streitig,
    indem ich so etwas wie Qualitätsrichtlinien für
    Religiosität fordere. Nicht dass Atta als frommer
    Mensch gilt. Hexenverbrennung war auch nicht gut.

    Vielleicht ist ein Kind magisch, ein
    Jugendlicher Polytheist, ein junger
    Erwachsener Atheist und ein Greis
    deshalb weise, weil er die inneren
    Entwicklungsstufen (z.B. nach Piaget)
    verbinden kann, überblickt.

    Religiosität ist eine Sprache, die man
    sprechen lernen kann (unsere Fanatiker
    indes fetischisieren Buchstaben).
    Religiosität ist ein Fahrzeug, dessen
    Führerschein auch der heutige
    Mensch machen kann und machen sollte.

    Religion bleibt eine Gefahr, ja.

    Vielleicht waren die Künstler von Brücke, Blauem
    Reiter, Surrealismus oder Bauhaus unsere
    Schamanen und Priester.

    Vielleicht mal lesenswert
    wenn auch auf Englisch:
    http://tinyfrog.wordpress.com/
    http://thedarwinreport.wordpress.com/

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s


%d Bloggern gefällt das: