056. Ein nicht abgedruckter Leserbrief

056

Aus einem evangelischen Gemeindebrief

aus dem Januar 2008, nicht signiert

Zur Diskussion

Natürlich tut es weh, wenn ein „Christian“ oder eine geborene „Lüdenscheid“ sich neuerdings zum islamischen Glauben bekennt. So wie es immer weh tut, wenn jemand sich vom christlichen Glauben abwendet, der oder die einmal mitgemacht und mitgebetet hat. Und natürlich müssen wir ganz genau nachfragen, wie das eigentlich bewertet wird, wenn ein ehemaliger Muslim Christ werden will. Ob es ebenso bedauert wird, wie wir eine Konversion zum Islam vielleicht bedauern, oder ob darin ein eigentlich todeswürdiges Verbrechen gesehen wird. Wir müssen darauf bestehen, dass Christen sich in islamischen Ländern auch ungestört und öffentlich zum Gottesdienst versammeln dürfen, auch in Kirchen. Das ist übrigens in vielen islamischen Ländern auch der Fall.

Aber solange der Westen eines der reaktionärsten islamischen Regime im Nahen Osten als engsten Verbündeten pflegt, ist die Glaubwürdigkeit des westlichen Engagements für Demokratie etwas angeschlagen. Und die Toleranz, die wir fordern, muss in unserem Land auch gelebt werden. Für ein antiislamisches Ressentiment sollte es in einer christlichen Gemeinde genauso wenig Platz geben wie für ein antijüdisches.

Antwort auf die Einladung zur Diskussion

Sehr geehrte(r) Schreiber(in),

sicherlich ist es für praktizierende ChristInnen traurig, eine Glaubensschwester, einen Bruder im Glauben durch Konversion zu verlieren, müssen wir uns doch fragen, ob der Grund für den Übertritt in einem Fehlverhalten unsererseits liegt. Unter Umständen hätte man durch gute Gespräche die bestehenden Zweifel ausräumen können, klären können, was so stört oder unannehmbar ist, dass sie oder er nicht mehr zur christlichen Kirche gehören möchte und sich nach neuen Leitlinien und Weltanschauungen orientiert.

Vielleicht war da schon immer ein Unbehagen, man kannte nur die christliche Religion, kam nicht dazu sich zu informieren, wagte den Wechsel nicht oder wollte die Eltern nicht enttäuschen. Nun, da man Gelegenheit hatte, die andere Religion kennenzulernen, vielleicht durch die zukünftige Lebenspartnerin / den zukünftigen Lebenspartner motiviert, ist man sicher, sich vorher geirrt zu haben, z.B. zu den im Glaubensbekenntnis verankerten Inhalten nicht mehr stehen zu können, ein anderes Gottesbild, ein anderes Menschenbild zu bevorzugen, eine andere Spiritualität entwickelt zu haben.

Eines ist jedoch sicher: Aus welchen Gründen Gemeindemitglieder auch immer austreten, um zu konvertieren, wir heißen ehemalige Mitglieder nicht nur als reuige RückkehrerInnen sondern auch als KonvertitInnen jederzeit willkommen. So leben wir ChristInnen unseren Glauben. Gegen jede Religion, übrigens auch gegen jede Tradition, jede Kultur, die AbweichlerInnen und deren UnterstützerInnen mit dem Tode bedroht, nehme ich mir allerdings heraus, Ressentiments zu haben.

Da offensichtlich viele Bedeutungen dieses französischen Fremdwortes kursieren, möchte ich an dieser Stelle definieren, was ich unter ‚Ressentiments‘ verstehe und wie ich mit ihnen umgehe. Ich meine mit diesem Begriff eine begründete Abneigung gegen eine Sache, gegen Einstellungen einer Person oder deren Lebensweise. Grundlagen für meine ablehnende Haltung sind z.B. Erlebnisse und Hintergrundwissen aus zitierbaren Quellen, Diskussionen mit betroffenen BefürworterInnen und KennerInnen wie auch den GegnerInnen.

Abneigung gehört wie Freude, Angst, Traurigkeit, Wut, Begehren und Abscheu zu den Grundemotionen eines jeden Menschen (Plutchik), solche Gefühle zu verleugnen und abzuspalten, ist unaufrichtig und macht krank. Das wird sicherlich jede Psychologin / jeder Psychologe bestätigen. Wie Vorurteile (im Gegensatz zu Ressentiments relativ spontane und unreflektierte positive oder negative Einschätzungen und Bewertungen) uns schützen (Ekel vor grünlich-blauen, muffig riechenden Lebensmitteln) und helfen, sich in einer komplexen Umwelt zu orientieren, sind Ressentiments wichtig für die Entwicklung von Wertvorstellungen und Moral sowie für die seelische Ausgeglichenheit. Ohne Ressentiment gegen Hitler hätte es keinen Widerstand gegeben. Es gäbe die Reformation nicht ohne Martin Luthers Ressentiments gegen die (katholische) Kirche. Solche Haltungen und Einstellungen sind nur dann bedenklich, wenn sie zur unabänderlichen, nicht zu hinterfragenden Doktrin werden. So wie ich als Demokratin und Christin mir die Freiheit nehme, Ressentiments gegen Denkweisen und Überzeugungen zu entwickeln, habe ich auch die Verpflichtung diese zu überprüfen und gegebenenfalls abzubauen.

Wie Ulrich Wickert schon mit seinem Buchtitel meinte: Gauner muss man Gauner nennen.

Wenn beispielsweise Frauen verachtet werden, für die gleiche Arbeit weniger verdienen als ihre Kollegen, in der Erziehung und im Alltag Gewalt angewandt wird, fühle ich mich als Frau, Mutter und Christin verpflichtet, solche Verhaltensmuster abzulehnen und unter bewusster Benennung des erkennbaren Kontextes, des kulturellen, traditionellen und religiösen Zusammenhanges, vorbehaltlos zu kritisieren, auch wenn dieser orientalisch-islamisch, jüdisch oder christlich-europäisch ist. Wer hier politisch korrekt verallgemeinernd und beschwichtigend Appeasement betreibt, nimmt dem Gegenüber die Chance, Fehlentwicklungen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken.

Kirchengemeinden, die Flüchtlingen Kirchenasyl gewähren, werden die nicht selten aus islamischen Herkunftsländern stammenden Schutzsuchenden, wohl kaum nach eventuell vorhandenen antijüdischen Ressentiments befragen, bevor sie ihnen Schutz gewähren. Ähnlich handelt die BRD bei Menschen, die aus anerkannten Asylgründen nach Deutschland fliehen. Selbst überzeugte Feinde der freiheitlich demokratischen Grundordnung erhalten Schutz- und Bleiberechte, wenn sie den Asylgrund nachweisen können.

MenschenrechtlerInnen und HumanistInnen wie Ayaan Hirsi Ali, Bassam Tibi, Necla Kelek, Seyran Ates, Mina Ahadi, Serap Cileli, Christine Schirrmacher, Ute Spuler-Stegemann, Salman Rushdie haben sicher die beschriebenen Ressentiments gegen den Islam. Sollte in einer christlichen Gemeinde für diese mutigen Frauen und Männer kein Platz sein? Ist es nicht gerade unsere Christenpflicht, beispielsweise aus dem Irak stammende Glaubensgeschwister aber auch ‘Ungläubige‘, die in ihrer Heimat wegen ihrer polytheistischen Weltanschauung oder aus anderen Gründen verfolgt werden, in unsere Gemeinde aufzunehmen, obwohl sie sicherlich Abneigung gegen den Islam entwickelt haben und vielleicht antijüdische Ressentiments hegen?

Dann würde allerdings gerade die lutherisch-evangelische Kirche in arge Erklärungsnöte geraten, wenn man ihren Gründer Martin Luther zitiert (‘War Luther nur reaktiv und antijüdisch?‘).

Mit freundlichen Grüßen

N. N.

Quelle: Luther:

http://www.sgipt.org/sonstig/metaph/luther/judens.htm

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