082. Kein Kulturrelativismus! Antwort an Cemil Şahinöz

Auf seinem Blog Misawatruth rezensierte der Autor, Journalist, Lehrer, Übersetzer und Diplom-Soziologe Cemil Şahinöz das Buch von Gülsen Çelebi ’Kein Schutz nirgends’. Şahinöz ist schreibt unter anderem für die Boulevard Zeitung Hürriyet. Zwei KollegInnen aus dem Netzwerk Schariagegner antworteten auf seine Buchbeschreibung.

Herr Diplom-Soziologe Cemil Şahinöz schrieb:

Reinigt der Zweck die Mittel? Das Ziel der Anwältin ist positiv. Sind es auch die Mittel? Die Autorin beschuldigt, beleidigt und diskriminiert die türkische Kultur. Dabei überträgt sie ihre völlig subjektiven, eigenen Erfahrungen auf die Gesamtheit der Türken in Deutschland. Wenn es nach ihr geht, ist die türkische und muslimische Kultur unintegrierbar und undemokratisch. Das Integrationsproblem verlagert sie komplett auf die in Deutschland lebenden Türken und wirft ihnen so einiges vor. Das kommt Ihnen alles bekannt vor? Sicherlich! Denn die Autorin macht nichts anderes, als sich in eine Welle der Necla Keleks und Seyran Ates´ zu werfen. Und dies gelingt ihr mit Bravur.

Cemil Sahinöz

Antwort von: parallelgesellschaft am August 7 2008

Sehr geehrter Cemil Sahinöz,

Gülsen Celebi hat viele Erfahrungen, und es steht ihr damit ganz besonders zu, ihre Erfahrungen zu sagen.

Cemil Sahinöz möchte den Paragraphen ‘Beleidigung des Türkentums’ den Europäern plausibel machen? Das wird schwierig, denn fiebrige Kollektivismen sind Relikte und Fossile aus der kulturellen Vormoderne, die außerhalb der NPD glücklicherweise den heute meist recht individuierten Deutschen ziemlich egal.

Rechtsanwältin Gülsen Celebi spricht über das Milieu der Zwangsheiraten und Ehrenmorde. Dieses Milieu gibt es, das ist erst einmal festzuhalten, im türkischen und islamischen Kulturraum, und zwar geprägt und gespeist durch sowohl türkische wie auch islamische Motive und Traditionen. Ferner gibt es derartige mysogyne Milieus bei Jesiden, Hindus, südosteuropäischen oder ostafrikanischen Christen, afrikanischen Stammeskulturen und so weiter.

In meiner Stadt lagen tote Frauen auf dem Pflaster, Türkinnen, von Vater und Ehemann erstochen. Ich bin Deutsche, im Zuwanderungsmilieu finden Ehrenmorde statt mit Berufung auf al-Namus, Scharia, Türkentum/Kurdentum und Tradition. Und ich meine, ich habe ein Recht darauf, dieses Thema anzusprechen. Ich bin froh, dass Leute wie Celebi dasselbe tun.

Im arabischen heißt es Ehre-Waschen, nicht Ehrenmord. Gemeint ist dasselbe.

In Großbritannien gibt es eine große Zahl an Ehrenmorden unter den Parallelgesellschaften der Leute aus Pakistan und Bangladesh. Das ist traurig und deshalb müssen wir darüber sprechen, egal ob wir jetzt türkisch, kurdisch, albanisch, deutsch, englisch oder ‘was weiß ich’ sind.

Türken können auf ihre klasse Küche, ihre Volkslieder, ihre schönen Landschaften und auf eine handvoll Intellektuelle stolz sein, ich hoffe, es werden noch mehr Gebildete, ich habe kein Interesse an dummen und ungebildetetn und bildungsverweigernden Türken (bin ja kein antitürkischer Rassist).

Die türkische Kultur und Geschichte hat (wie jede) Licht … und Schatten, Lobenswertes und Verabscheuenswertes.

Sehr geehrter Herr Diplom-Soziologe Cemil Sahinöz: was verabscheuen Sie an der türkischen, patriarchalischen, ihren Armeniervölkermord vertuschenden, homosexuellenfeindlichen, vom radikalen Islam gefährdeten … Kultur?

Immer nur ‘beleidigt’ die Nase in die Luft zu stecken oder wie ein Kleinkind bääääh zu plärren, wenn ein Nichttürke oder Türke etwas Kritisches über das (in der Tat wenig demokratische) Kleinasien redet oder schreibt. Das ist nicht würdig. Das ist was für Jammerlappen. Das ist unmenschlich. Das ist unmännlich. Das wird die Türkei ins Mittelalter zurück treiben.

Ich kenne eine andere Türkei. Die von Pamuk und Celebi und Kelek und Cileli, die an Pädagogik und Psychologie geschulte und gereifte Türkei: die Türkei der kulturellen Moderne.

Mit freundlichen Grüßen
Martina

Antwort von Roswitha Winterscheid am 7.August 2008:

Sehr geehrter Herr Sahinöz,

Wollen sie tatsächlich behaupten, Mord aus falsch verstandener Ehre, Zwangsheirat und Kinderehen gehören zur türkischen Kultur?

Ist es ein tötungswürdiges Verbrechen, wie eine Deutsche leben zu wollen?

Bezeichnen Sie es als Kultur, wenn der möglichst minderjährige Sohn von seiner Sippe unter unvorstellbaren Druck gesetzt wird, seine Schwester zu töten, die angeblich die Ehre der Familie beschmutzt?

Ist es Kultur, wenn der Ehemann aus Kränkung des Namus seine trennungswillige Ehefrau und seine Tochter erschießt?

Eine solche Haltung wäre allerdings kulturell vormodern und widerspricht den Erkenntnissen und Segnungen der Aufklärung, von denen auch Sie, Herr Sahinöz, profitieren.

Würden alle Türken und Türkinnen so denken, wäre das ein sicheres Indiz, dass die Türkei den Anschluss an das 21. Jahrhundert noch nicht gefunden hat und damit sicherlich nicht in die Europäische Gemeinschaft aufgenommen werden kann.

Mit freundlichen Grüßen

Roswitha Winterscheid

Antwort von Herrn Diplom Soziologen Cemil Şahinöz

Sehr geehrte Leserinnen Roswitha Winterscheid und parallelgesellschaft Martina,

zunächst einmal vielen Dank für Ihre Kommentare.

Gewiss bin ich kein Verteidiger der Schandtaten, die im Buch von Celebi erwähnt werden. Darum geht es mir nicht. Es geht um die Scheinheiligkeit der Autorin. Hinterrückst greift sie sowohl den Islam als auch die Türken an.

Man kann sogar aus dem Buch rauslesen, dass sie eine große Antipathie gegen die Türkei hat.

Die Autorin ist aber keine Soziologin, sondern Juristin. Also sollte sie auch ihren Job machen und nicht soziologische Analysen wagen. Dies gilt ebenfalls für Kelek und Ates, die schon beide mehrfach von Soziologen kritisiert worden sind, für den Hass, den diese beiden zwischen Türken und Deutschen scheren.

Herzliche Grüße

Cemil Sahinöz

Ümmühan Karagözlü schließt sich der Meinung der beiden KommentatorInnen im Wesentlichen an und führt zur Rezension des Buches durch Herrn Şahinöz wie zum Thema Integration folgendes aus:

Inhaltsverzeichnis

1. Erpresserische Ehrbegriffe vormoderner Moral

2. Heimatliebe zwischen Groupthink und sozialer Mitverantwortung

3. Seelisches Heilsein und körperliche Unversehrtheit

4. „Du Opfer!“ – „Allerdings, leider.“ Scharia in der Familie

5. Ziel des politischen Islam: Den Nichtmuslimen fern bleiben wollen

6. Die Hexe jagen. Kollektiver islamischer Hass gegen die emanzipierte (ex-) muslimische Frau

7. Taqiyya. Mit gespaltener Zunge Sand in die Augen der Gutmenschen streuen.

8. Mit Benzin Feuer löschen? Gefährlich. Wenig Ratsam. Den Bock zum Gärtner machen? Auch nicht ratsam.

9. Wer sein Volk liebt, kritisiert es

10. Deutschlands prekär integrierte Auslandstürken. Zwischen profanem Anwerbeabkommen und sakraler Hidschra

11. Das Gangsta-Kalifat. Über City-Dschihad und erzwungene Muslimisierung

12. Aufklärung und Universelle Menschenrechte

13. Nachhaltige Bildungsarbeit

14. Normschüler aufs Gymnasium, Migranten ab in die Hauptschule

15. Unheilige Allianz. Wie subventioniertes Gutmenschentum und islamischer Fundamentalismus sich bestens arrangieren. Keine Schariatisierung des öffentlichen Raumes

Ehre, wem

Ehre gebührt

Schlechte Zeiten für KulturrelativistInnen, DemokratiephobikerInnen und GrundrechtsallergikerInnen

Ein Text von Ümmühan Karagözlü

Synonym für Schandtat: Büberei, Jungenstreich, Bubenstreich

1. Erpresserische Ehrbegriffe vormoderner Moral

Sehr geehrter Herr Şahinöz,

Der von Ihnen benutzte Begriff ’Schandtat’ ist ein Relikt aus der kulturellen Vormoderne, dessen eigentliche Bedeutung die meisten von uns heute nicht mehr kennen. Wenn wir dieses Wort überhaupt noch benutzen, gebrauchen wir es oft in einem ironisierenden, verharmlosenden Zusammenhang. ’Er hat mir seine Schandtaten gestanden’, gemeint sind grobe Jungenstreiche. Die Verbrechen, von denen Çelebis Buch handelt, sind brutale Gewalttaten, aus tiefster Frauenverachtung begangen. Die teilweise minderjährigen Kinder sind wehrlose Opfer und hilflose Zeugen. Deshalb ziehe ich vor, von Verbrechen aus niedrigen Beweggründen zu sprechen, von Mord, Vergewaltigung, Zwangsheirat, Nötigung, Körperverletzung.

Auch arrangierte Ehen, Zwangsheiraten[1] und Kinderehen[2] sind Überbleibsel archaischer Traditionen, die massiv in das Recht von Minderjährigen, Frauen und Männern auf (altersgemäß) selbstbestimmte Lebensführung eingreifen und oft mit häuslicher Gewalt einhergehen. Die Verbrechen erfüllen zumindest den Straftatbestand der Nötigung und verstoßen gegen universelle Menschenrechte. Patriarchalische Verhaltensmuster, die Familien dazu verleiten, um nicht aus der Gemeinschaft ausgestoßen zu werden, ihr eigen Fleisch und Blut zu töten oder so zu terrorisieren[3] und zu misshandeln, dass oft noch halbe Kinder in den Selbstmord getrieben werden,[4] [5] müssen aufgedeckt, enttabuisiert und bestraft werden.

Das Publizieren von Autobiographien, Romanen und Erlebnisberichten ist ein anerkannter Weg, die allgemeine Aufmerksamkeit auf einen totgeschwiegenen Problembereich zu lenken. Das Lesen der leicht verständlichen Schilderungen vereinfacht den Einstieg in die längst überfällige Diskussion über den Konsens unverhandelbarer Qualitätsstandards demokratischer Gesellschaften. Jedes einzelne Buch beleuchtet durch seinen individuellen Blickwinkel andere wichtige Aspekte und fügt so neue kleine Mosaiksteinchen zusammen, die sich zu einem aussagekräftigen Gesamtbild ergänzen. Wem z. B. bei der literarischen Auseinandersetzung mit patriarchalischen Verhaltensmustern die Männersicht fehlt, kann auf Publikationen und Bücher von Necla Kelek[6], Sonja Fatma Bläser und Ahmet Toprak[7], zurückgreifen.

Beide Frauen setzen sich für die Emanzipation des traditionell sozialisierten türkisch-muslimischen Mannes ein. Sie sind daran interessiert, das undifferenzierte Bild türkischer Männer in der Öffentlichkeit zu korrigieren, Bläser engagiert sich gegen die Ansicht des orthodoxen Islam, Männer pauschal als Vergewaltiger zu diskreditieren, die sich nicht gegen die Reize der Frauen wehren könnten und nur durch das Kopftuch vor ihren Trieben geschützt würden[8]. Sie befürwortet die kopftuchfreie Schule. Die Autorin unterstützt Mädchen und Frauen in Krisensituationen, liest an Schulen, berät die Eltern der SchülerInnen und leitet Fortbildungsveranstaltungen für SozialpädagogInnen, Jugendämter, Justiz und Polizei[9].

Empfehlenswert sind auch Publikationen des Diplom-Pädagogen Ahmet Toprak. Der Autor kritisierte die einseitige, auf die Lebensbedingungen von Frauen fixierte Diskussion um die Zwangsverheiratung mit Recht, da sie außer Acht lässt, dass es auch bevormundete Männer gibt, die sich ihre zukünftige Ehefrau von ihren Eltern aufzwingen oder zumindest aussuchen lassen. Der Autor erstellte daher die Studie ’Das schwache Geschlecht. Die türkischen Männer’, die, wie Keleks zweites Buch, auf der Auswertung von Interviews beruht. In ’Auf Gottes Befehl und mit dem Worte des Propheten’ stellt der Autor die Auswirkungen des Erziehungsstils auf die Partnerwahl und Eheschließung von Nachkommen der türkischen ’GastarbeiterInnen’ der zweiten und dritten Generation dar.

Es ist also durchaus sinnvoll, sich vieler einschlägiger Quellen zu bedienen, um einen möglichst umfassenden Einblick in einen Themenbereich zu bekommen. Computerfreaks und AutonärrInnen abonnieren auch mehrere Fachzeitschriften, SoziologiestudentInnen, die sich etwa auf eine Prüfung über Theorien abweichenden Verhaltens vorbereiten, sind gut beraten, Bücher verschiedener AutorInnen zu lesen. Ein breites Spektrum verschiedener Literaturgattungen themenbezogener Quellen bietet zudem allen LeserInnen trotz unterschiedlicher Vorkenntnisse die Möglichkeit, ihr Allgemeinwissen zu vergrößern. Gäbe es keinen Informations- und Erörterungsbedarf, würden die Bücher nicht gekauft.

2. Heimatliebe zwischen Groupthink und sozialer Mitverantwortung

In einer Demokratie gibt es das Grundrecht auf Meinungsfreiheit für jede/n übrigens auch für Kinder. Das Grundgesetz wäre nicht einmal das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde, wenn nur ExpertInnen die Erlaubnis eingeräumt würde, zu gesellschaftspolitischen Themen Stellung nehmen. Vor 75 Jahren ist ein großer Anteil der deutschen Bevölkerung der Demagogie eines angeblichen Experten, des Führers und seiner vorgeblich fachmännischen Gefolgschaft blindlings auf den Leim gegangen, die Folgen haben Europa und seine Bevölkerung bis heute politisch belastet und geprägt. Sapere aude. Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, meinte schon Kant in ’Was ist Aufklärung’[10].

Für autoritäre Persönlichkeiten[11] mag die Bevormundung durch weltliche und / oder religiös-spirituelle Autoritäten, deren Unterweisung und Führung man (sich) ohne zu zögern bedenkenlos (an)vertraut, attraktiv erscheinen, weil diese Haltung, oberflächlich betrachtet, bequem ist und von der Bürde der Eigenverantwortlichkeit zu entlasten scheint. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Gerade in der Türkei und im damaligen dritten Reich begingen obrigkeitsgläubige Charaktere ’Für Einheit und Fortschritt’ bzw. ’Für Führer, Volk und Vaterland’ fürchterliche Verbrechen, die zum Völkermord an den Armeniern und den Juden eskalierten. Selbst der einfache Soldat hat Schuld und Mitverantwortung an solchen Gräueln[12].

Çelebi ist Rechtsanwältin für Familienrecht und hat als Rechtsbeistand wie sonst nur MitarbeiterInnen bestimmter sozialpädagogischer Arbeitsfelder, Hodschas oder PfarrerInnen Einblick in Familienstrukturen und Lebensverhältnisse ihrer KlientInnen. Ihr und der Co‑Autorin Uta Glaubitz geht es in ihrem Buch neben der Schilderung der Verbrechen, um die juristische Aufarbeitung des Falles am Landgericht Mönchengladbach. Sie möchten erörtern, ob der Justiz Versäumnisse oder Nachlässigkeiten vorzuwerfen sind und ob Änderungen im Arbeitsablauf juristischer Routine vorzunehmen sind, um wertvollen Zeitverlust und menschliches Versagen auszuschließen, damit eine ähnliche Verkettung unglücklicher Umstände, die am 09.03.2007 zwei Frauen das Leben kostete, sich nie mehr wiederholt[13]. Als Juristin und Augenzeugin ist Çelebi durchaus dazu berufen, solche Überlegungen anzustellen. Um eine soziologische Analyse ging es den AutorInnen gar nicht.

Darüber hinaus wird niemand die/der ihren/seinen Erholungsurlaub genießen möchte, regelmäßig in ein Land reisen, dessen Kultur und Leute sie/er ablehnt. Abgesehen davon, dass die Familienrechtlerin als kurdischstämmige Deutsche genügend Gründe hätte, die Türkei und viele nationalistische TürkInnen zu verabscheuen, kann man Liebe nicht erzwingen, selbst Mutterliebe nicht. Daraus sein Kind oder sein Vaterland nicht zu lieben, kann man niemandem einen Vorwurf machen, die Motive für die Ablehnung liegen in der Biographie desjenigen Menschen begründet und können nur mit viel Geduld und Verständnis abgebaut werden. Vorwürfe, Beschimpfungen und Vorverurteilungen ändern nichts an der Haltung der/des KritikerIn.

3. Seelisches Heilsein und körperliche Unversehrtheit

Ein ins Deutsche übersetztes türkisches Sprichwort sagt:

„Wer seine Tochter nicht schlägt, schlägt seine Knie (manche sagen auch Oberschenkel). Wie der Stern Korrespondent Hans-Ulrich Jörges in einem Stern-Artikel schreibt, werden 44,5% der türkischen Kinder von ihren Familien schwer misshandelt[14].[15]

Menschen haben das Recht, in einer Gesellschaft aufzuwachsen und zu leben, die ihrer körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung den förderlichen Gestaltungsspielraum bereitstellt, die ihnen Chancengleichheit und altersgemäße Mitbestimmung garantiert. Leider sieht die Wirklichkeit selbst in demokratischen Rechtsstaaten wie der BRD für viele anders aus. In einer Studie des Familienministeriums aus dem Jahr 2004 heißt es, dass die Eltern jeder zweiten in Deutschland lebenden Türkin den Ehepartner ihrer Tochter aussuchen. Jede vierte hatte ihn noch nie vorher gesehen[16]. Die Formen von Gewalt, die angewandt werden, um die Mädchen gefügig zu machen, reichen über psychischen Druck, emotionale Erpressung, (Mutter droht mit Selbstmord[17]) bis hin zu körperlicher Gewalt und Morddrohungen.

Rund ein Viertel der in Deutschland lebenden Frauen sind bereits von Lebensgefährten, Ehemännern oder Freunden verprügelt und / oder sexuell missbraucht worden. Die Demütigungen, Verletzungen und Schmerzen, die oft brutale körperliche Gewalt, der auch Kinder als Zeugen und Opfer ausgesetzt, sind, hinterlässt tiefe seelische und körperliche Narben. Der Diplom-Pädagoge Ahmet Toprak[18], der sich im Wesentlichen mit der Jungenerziehung und männlicher Sozialisation heranwachsender Türken der zweiten und dritten Generation befasst, bezeichnet Familien dann als gewaltimmanent, wenn Familienoberhäupter ihre traditionelle Vorbildfunktion nicht erfüllen könnten.

Das sei für die Jungen, die in der Familienhierarchie noch keinen hohen Rang innehaben, fatal. Sie hätten als Heranwachsende älteren männlichen Verwandten ständig Respekt zu erweisen, würden verprügelt und hätten bisher auch außerhalb der Familie keine Gelegenheit gehabt, Selbstbewusstsein und Ich-Stärke zu entwickeln. Sie hassen ihre Opferrolle und vermeintliche Bedeutungslosigkeit und lernen von den gewalttätigen Vätern, die in der Familienhierarchie an der Spitze stehen und geachtet werden, dass ein ’richtiger Mann’ sich mit Prügel durchsetzt und ’Respekt verschafft’, meint der Pädagoge sinngemäß[19]. Wie gering muss das Selbstwertgefühl dieser Schläger sein, da sie nicht nur gegen gleichwertige Gegner, sondern auch gegenüber Frauen und Kindern zuschlagen, fragt sich die Autorin dieses Textes, die Gewalt als Mittel zur Bewältigung von Frust und Konflikten grundsätzlich ablehnt.

Kein Mensch, die/der sich für die Beendigung häuslicher Gewalt einsetzt, kann dafür sein, Täterinnen auszublenden[20].

Die misshandelten Töchter lernen schon von klein auf, dass Männer unberechenbar, launisch und gewalttätig sind. Als Zeuginnen der Übergriffe und Demütigungen gegen ihre Mütter erkennen sie bald, dass sie, als körperlich Unterlegene, auch als erwachsene Frauen der Brutalität und Gewalttätigkeit der Männer kaum ausweichen können. Ihre Rolle in diesen Familien besteht allein darin, Respekt zu bezeugen, zu dienen, als ’zoontjesfabriek’(Hirsi Ali) viele, möglichst männliche, Nachkommen auf die Welt zu bringen und diese nach den Regeln von Koran, Sunna und Scharia zu erziehen. Dies geschieht in diesen Milieus meist nicht mit Liebe, Geduld, und überzeugenden, guten Worten, sondern mit ’schlagkräftigen’ Argumenten.

Auch die Mütter prügeln, ohrfeigen, sperren die Kinder ins Zimmer und schüchtern sie fürchterlich keifend ein. Oft fehlt ihnen das Hintergrundwissen, Verhaltensvorschriften zu begründen. Sonst von niemandem geachtet, als teuflisch und dumm verschrien (Koran und Sunna), selbst geprügelt und gedemütigt, sehen viele von ihnen keine andere Möglichkeit, als sich gewaltsam Gehör zu verschaffen, um Normen und Wertvorstellungen der Sunna durchzusetzen. Kleine Mädchen verinnerlichen schon früh[21], dass in fundamentalistisch orientierten Familien in der Erziehung der Kinder und in der Unterdrückung der Schwiegertöchter sich für traditionell lebende Frauen die einzige Gelegenheit bietet, sich für erlittene Demütigung zu rächen und Macht und Überlegenheit zu genießen.

Verliert der Haupternährer in der Familie seinen Arbeitsplatz, ist das unabhängig von der kulturellen Herkunft vor allem für unqualifizierte Arbeitskräfte neben der finanziellen Einbuße eine große psychische Belastung, weil mit der Kündigung auch ein ’looser-image’ verbunden ist, dessen ’Mann’ sich schämt. Frauen hätten wenigstens die Möglichkeit, als Hausfrauen und Mütter eine sozial anerkannte Aufgabe zu erfüllen[22], so wird auch heute noch oft argumentiert. Außer dem sozialen Statusverlust, der sicherlich auch die ’ungläubigen’ Arbeitslosen tief kränkt, haben orthodoxe Muslime die ihre Arbeitsstelle verlieren zusätzlich die Sorge, den religiösen Pflichten als Ernährer der Kernfamilie nicht nachkommen zu können und das Gesicht zu verlieren, weil keine Zakat (Spende, dritte Säule des Islam) gezahlt werden kann. Ihnen droht die ewige Verdammnis in der Hölle. Für strenggläubige Muslime eine fürchterliche Strafe.

Die Kündigung des Arbeitsplatzes ist jedoch nie ein Grund, seine noch so begründete Wut und den verständlichen Frust in Aggression und Gewalt auszuleben. Es gibt keine Entschuldigung für Übergriffe aller Art, alle Formen von (häuslicher) Gewalt verletzen die Würde der Opfer und sind auch für die TäterInnen menschenunwürdig. Seinen Arbeitsplatz zu verlieren ist sicherlich ein krisenhaftes Ereignis. Wirklich starke Männer leiden eben nicht darunter, Schwächere um Hilfe bitten zu müssen und mangelnde Sprachkenntnisse sind alles andere als eine ’unheilbare Krankheit’, denn diese Abhängigkeit lässt sich erheblich reduzieren oder ganz abbauen, wenn die Familienväter beispielsweise Sprachkurse besuchen, einen Schulabschluss nachholen, umschulen. Zufriedenheit, Lebensqualität und sicherlich auch die Vermittlungschancen auf dem Arbeitsmarkt werden sich erheblich verbessern.

Solche Menschen, die in misslichen Situationen nicht aufgeben, sondern Eigeninitiative ergreifen und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen, um die belastenden Folgen der beruflichen Enttäuschung aktiv zu minimieren, verdienen unsere Hochachtung und sind ihren Kindern gute Beispiele, auf die sie stolz sind und denen sie abschauen können, wie man mit Niederlagen und ’Frust’ konstruktiv umgeht. Da ein Großteil solcher Maßnahmen von den Behörden durch Fördermittel unterstützt wird, würden solche Bildungsbausteine den Haushaltsetat auch nicht zusätzlich belasten. Zuhause könnten die Ehemänner Ehefrau und Töchter bei der Hausarbeit und der Kindererziehung unterstützen. Ein türkischer Landsmann in Deutschland wollte sich mit seiner Ehefrau, die als technische Zeichnerin arbeitet, den Elternurlaub[23], [24] teilen und blieb als erster zu hause. Er fand an der zunächst ungewohnten Rolle seine Tochter und seinen Sohn zu betreuen, mit ihnen zu spielen, Entwicklungsschritte hautnah mitzuverfolgen und die Kinder durch ihre Säuglings- und Kleinkindphase begleiten zu können, so großen Gefallen, dass es in dieser Familie vorerst bei der noch untypischen Rollenverteilung bleiben wird, zumal auch beide Kinder genießen, so viel Zeit mit ihrem Papa verbringen zu können.

’Nurhausfrauen und Mütter’ würden sich über die zusätzliche Hilfe durch die Ehemänner und Väter sicherlich freuen. Auch sie könnten sich sprachlich und beruflich qualifizieren, um sich wenigstens halbtags, wenn die kleineren Kinder im Kindergarten betreut werden oder in der Schule lernen, nach einem attraktiven Tätigkeitsfeld außerhalb der Familienaufgaben umzusehen, um sich ein Taschengeld zu verdienen oder die Haushaltskasse aufzubessern. Gute Sprachkenntnisse in der Mutter- wie auch in der deutschen Sprache sind da sicherlich vorteilhaft. Auch für Frauen, die einen solchen Job nicht finden oder lieber zuhause bleiben wollen, sind gute Deutschkenntnisse nützlich. Diese Fähigkeit erweitert die sozialen Kontakte, trägt zum eigenen wie auch zum guten Spracherwerb der Kinder bei, unterstützt die Fördermaßnahmen in den Kindergärten und Schulen und ist auch beim Erledigen der Hausaufgaben hoch willkommen.

Achtung und Wertschätzung als Grundlage jeder stabilen Beziehung sollte auf inneren Werten und vorbildlichen Persönlichkeitsmerkmalen wie Treue, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Durchhaltevermögen, soziales Engagement und Zivilcourage beruhen und nicht davon abhängen, ob die/derjenige finanziell zum Familienunterhalt beiträgt. In Zeiten riskanter Chancen[25] in denen ’Normalbiographien[26]’ und Statuspassagen[27], wie sie für unsere Großeltern noch typisch waren, zur Ausnahme geworden sind, werden selbst gut ausgebildete Fachkräfte damit rechnen müssen, mehrmals unverschuldet entlassen zu werden. Mit solchen Rückschlägen werden wir künftig umgehen lernen müssen, ohne in Depressionen zu versinken Nur durch Flexibilität und die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen wird man langer Arbeitslosigkeit und dem befürchteten sozialen Abstieg entgegenwirken können.

Am Beispiel dieser individuellen wie auch gesellschaftlichen Herausforderungen zeigt sich, dass Normen, Werte und Einstellungen der kulturellen Vormoderne nicht mit einer säkularen, hoch technisierten und sich ständig erneuernden Informations- und Dienstleistungsgesellschaft kompatibel sind und permanent dem Zeitgeist und Gesellschaftswandel angepasst werden müssen. Würde man von BürgerInnen erwarten, den Verhaltens- und Denkvorschriften des ’Zeitalters der Glückseligkeit’ zu entsprechen und gleichzeitig die Erwartungen der Leistungsgesellschaft an statusbewusste, moderne MitteleuropäerInnen zu erfüllen, ist dies eine vermeidbare Überforderung, die körperlich und psychisch krank machen würde.

Häusliche Gewalt ist für alle ein Tabu-Thema, dem man liebend gerne ausweicht. Sicherlich ist es nicht so leicht, die Nachbarin auf den wiederholten Lärm anzusprechen, der auch am Vorabend wieder zu hören war. Davor das Jugendamt oder die Polizei zu informieren, wenn man nur Ohrenzeuge ist, schreckt man erst recht zurück, man möchte schließlich im Haus wohnen bleiben und nicht als DenunziantIn gemieden werden. Besonders schwierig ist die Lage für die Selbstbetroffenen, deren Selbstwert so gelitten hat, dass sie Übergriffe bagatellisieren. Weil ihnen eingeredet wurde, ein Nichts und Niemand zu sein, befürchten sie, man würde ihnen nicht glauben.

4. „Du Opfer!“ – „Allerdings, leider.“ Scharia in der Familie

Sie schämen sich ihres Opferseins und meiden die Öffentlichkeit oder gar den prüfenden Blick der/des PolizistIn. Trotz der erlittenen Verletzungen, Demütigungen und Schmerzen möchten sie ihre Familien nicht ’denunzieren’ und schweigen, um die ’Liebe’ ihrer Angehörigen nicht zu verlieren, aus Angst vor noch größerer Brutalität oder Stalking trotz Platzverweis. Der zivilcouragierte Griff der MitwisserInnen zum Telefon erspart Opfern häuslicher Gewalt Leid, weil es Betroffene zur Anzeige der Straftat(en), zum Aufsuchen einer Beratungsstelle ermutigt und den Täter vor weiteren Straftaten schützt. Auch für die psychische Entlastung und Stabilisierung des Opfers sowie für die Resozialisierung der/des TäterIn ist die Strafverfolgung wichtig[28].

Die große Nachfrage nach authentischen Berichten, Autobiografien und sonstigen Darstellungen der Lebensumstände einer großen Bevölkerungsgruppe, die Mitten im Geltungsbereich des Grundgesetzes neben ihren urdeutschen NachbarInnen in abgeschotteten Parallelgesellschaften überwiegend nach den Regeln von Koran, Sunna und Scharia leben, hat die Verlage, Rundfunk- bzw. Fernsehanstalten und die sogar die Bundesregierung dazu veranlasst, sich mit Fragen der Integration muslimischer MigrantInnen zu befassen. Ateş, Kelek und Çileli[29] wurden als Expertinnen in viele Diskussionsrunden eingeladen und wegen ihres unermüdlichen Einsatzes für die Rechte von Frauen mit Auszeichnungen geehrt[30], [31], [32]. Serap Çileli gründete beispielsweise den Verein Peri für Menschenrechte und Integration[33], Kelek und Ateş gehören als unabhängige Musliminnen zum ’Plenum der Dreißig’ der Deutschen Islamkonferenz. Leider wird ihnen ihr couragierter Einsatz aber auch nicht immer gedankt.

5. Ziel des politischen Islam: Den Nichtmuslimen fern bleiben wollen

Beispielhaft für den oft sehr unfair geführten Diskurs sei hier der in der Zeit abgedruckte offene Brief[34] erwähnt, in dem unter Federführung des Kölner Pädagogen und Psychologen Mark Terkessidis sowie der Turkologin und Politologin Yasemin Karakaşoğlu sechzig ’MigrationsforscherInnen’ die Bücher der Autorinnen ’kritisierten’ und die Frauen in unsachlicher, diskreditierender Form angriffen. Unter dem Titel ’Seltsames Pamphlet’ kommentierten LeserInnen wie Pd Dr. Caroline Robertson-von Trotha, Direktorin, ZAK (Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale) Universität Karlsruhe (TH), Kristina Köhler, MdB, BERLIN Innenpolitische Berichterstatterin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Islamismus und die Integration von Frauen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Hartmut Krauss, Osnabrück, Sozialwissenschaftler den offenen Brief in der gleichen Zeitung[35],[36]. Alice Schwarzer nahm in EMMA Stellung zu den Vorwürfen. In ihrer ’offenen Antwort’ brachte sie die wahren Motive der beiden PublizistInnen und ihrer UnterstützerInnen auf den Punkt: ’Das Klima wird kühler für Multi-Kultis. Und die Pfründe weniger’[37].

Besonders bedrohlich hetzten türkische Medien im Herkunftsland wie auch in der Bundesrepublik wochenlang die Öffentlichkeit gegen die Menschenrechtlerinnen auf. Die engagierten Frauen wurden als ’Verräterinnen’, Nestbeschmutzerinnen’ und als Lügnerinnen beleidigt. Mit an der Spitze der Medienhetze die auflagenstarke Hürriyet. Kelek, Ateş und Çileli hatten das Sakrileg begangen, den großenteils deutschen und ausländischen LeserInnen einen authentischen Einblick in den Alltag türkischer MigrantInnen in Deutschland zu gewähren. Sie berichteten von der Unterwerfung der Clans unter die Gesetze des Koran, der Sunna und der Scharia sowie von der Angst vor der alles und jeden kontrollierenden Macht der Umma. Die Menschenrechtlerinnen hatten es gewagt, die traditionelle Lebensführung ihrer Familien und die bis dahin gut gehüteten Betriebsgeheimnisse um Türkentum und Community öffentlich zu machen und in Frage zu stellen. Damit hatten sie einen Tabubruch begangen und gegen den ’Code of silence’ (Gesetz des Schweigens) verstoßen.

6. Die Hexe jagen. Kollektiver islamischer Hass gegen die emanzipierten (ex-)muslimische Frauen

Tabus schützen ein Thema vor dem Diskurs in der Gesellschaft. Je mehr Mitglieder des Bezugssystems sich an der Ausgrenzung eines Themas beteiligen und je überzeugter sie diese Ausblendung implementieren, desto mehr „Macht“ hat das Tabu über jede/n Einzelne/n. Kollektive Verdrängungsmechanismen werden gern adaptiert, weil sie eine Art Corporate Identity geben. Eine autonome, unvoreingenommene Sicht der Welt ist allerdings so verhindert. Gemeinsame Tabus stabilisieren das jeweilige Herrschafts- und Bezugssystem von Menschen. Es entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich durch Unterordnung aufrechterhält. NonkonformistInnen, die gegen diesen allgemeingültigen Verhaltenskodex verstoßen und das Schweigen brechen, lüften das dunkle, vor der Außenwelt unbedingt zu verbergende Geheimnis und gefährden so dieses Wir-Gefühl durch Spaltung und Zwietracht.

Fitna, Zwietracht von Menschenhand gesät, ist jedoch die islamische Ur-Panik, vor der muslimische Politiker und Würdenträger sich fürchten und vor dem auch die Umma zittert wie vor dem Höllenfeuer und dem Iblis, dem Teufel. AbweichlerInnen gelten als elementare Bedrohung für das Überleben des bloßgestellten Gesellschaftssystems. Sie gelten als VerräterInnen und NestbeschmutzerInnen und die Gemeinschaft wird sie je nach Bedeutsamkeit des Verstoßes mit wortgewandten Überredungskünsten zu Reue und Dementi veranlassen. Ist das erfolglos, werden sie wüst beschimpft und beleidigt. Sollte die/der VerräterIn dann noch nicht von ihrem/seinem widerspenstigen Handeln ablassen oder seine skandalösen Äußerungen nicht zurücknehmen, wird man handgreiflich und die/der NonkonformistIn durch üble Nachrede oder Intrige von ihrer/seiner bisherigen Bezugspersonen isoliert und schließlich auch aus der restlichen Gruppe ausgeschlossen.

Verwandte oder Freunde die es wagen, weiterhin Kontakt zu halten oder der/dem VerletzerIn des Tabus zu unterstützen, werden bald selbst Opfer der partriarchalischen, der Scharia entlehnten Stammesgesetze werden. In vormodernen Strukturen werden solche Grenzverletzer auch getötet. Die Berichte und wochenlang andauernden Diffamierungen, Beleidigungs- und Hetzkampagnen in Rundfunk, Fernseh- und Printmedien, in der Türkei wie in Deutschland, haben die Stimmung gegen die drei Frauen so eskalieren lassen, dass die engagierten Frauenrechtlerinnen sich unzähligen Drohbriefen, Schmähanrufen und beleidigenden E‑Mails wie auch körperlichen Attacken ausgesetzt sahen. Nur mit Mühe konnte verhindert werden, dass die Familienrechtlerin Ateş ihre Tätigkeit als Anwältin aufgab, nachdem sie in Begleitung ihrer Mandantin und deren Freundin auf dem Rückweg von einem Gerichtstermin tätlich angegriffen worden war[38], [39].

Schon als Studentin war sie angeschossen und lebensgefährlich verletzt worden[40], als sie sich ihr Jura-Studium durch Beratung und Unterstützung von Frauen in Krisensituationen in einem Frauenladen verdienen wollte. Die Schmerzen und ernsthaften Verletzungsfolgen schränkten ihre Lebensqualität erheblich ein und zwangen sie dazu, ihr Studium mehrmals zu unterbrechen und das Examen zu verschieben. Sie erholte sich erst nach jahrelanger Rehabilitation. Nach dieser erneuten bedrohlichen Attacke gegen sie im Juni 2006, bei der auch ihre Mandantin beleidigt, bedroht und zusammengeschlagen wurde, rissen der Anwältin die Nerven. Die zweiundvierzigjährige Mutter einer kleinen Tochter räumte ihre Kanzlei und gab die Zulassung als Rechtsanwältin zurück Der massive Gegenwind hatte die unermüdliche Kämpferin zweifeln lassen. „Ich glaubte plötzlich selbst, für diese Gesellschaft zu weit gegangen zu sein“, so Ateş. „Ich hatte nicht mehr die Kraft, mich dem entgegenzusetzen, auch weil ich das Gefühl hatte, nicht mehr soviel Rückhalt zu haben.“[41]

Die kurdischstämmige Deutsche hatte sich aufgerieben bei ihrem unermüdlichen selbstlosen Einsatz gegen patriarchalische Willkür und Frauenunterdrückung, völlig verausgabt, fühlte sich ausgepowert und schlapp und im Stich gelassen. Die Sorgen um das Wohlergehen und die Sicherheit ihres Kindes kamen hinzu und so entschloss sich die Rechtsanwältin, ihren Beruf zumindest vorerst aufzugeben. Der Berliner Anwaltsverein und der Deutsche JuristenInnenbund, die Ateş Arbeit als Familienrechtlerin sehr schätzten, waren über ihre Entscheidung erschrocken und setzten sich in persönlichen Gesprächen sehr dafür ein, die Frauenrechtlerin umzustimmen. Zum Glück gelang es den VerbandsvertreterInnen die mutige Frau überzeugen, ihre wichtige Aufgabe als Rechtsbeistand nach einer Erholungspause wieder fortzusetzen[42]. Zurzeit betreut Ateş ihre Mandantinnen ohne eine offizielle Anschrift.

7. Taqiyya. Mit religiöser Täuschung Sand in die Augen der Gutmenschen streuen

Initiative gegen häusliche Gewalt ./. Stimmungsmache gegen Frauenrechtlerinnen

Angesichts der hasserfüllten Berichterstattung der Hürriyet in Deutschland wie auch im Gründungsland scheint es mehr als zynisch, dass in genau derjenigen Zeitung eine groß angelegte Kampagne gegen häusliche Gewalt initiiert worden ist (Plakate, Telefonhotline, Fachgespräche in der Zeitung, Infobus), in der zeitgleich JournalistInnen gegen genau die Frauen die öffentliche Meinung aufstachelten, die herausragende Arbeit gegen vormodern-patriarchalische Willkür leisten. Durchaus als hinterhältig, intrigant und für die deutsch-türkischen Beziehungen belastend könnte man die Absicht bezeichnen, dass eine so einflussreiche, oft gelesene Zeitung ihren Namen dafür nutzt, einerseits die drei Frauenrechtlerinnen europaweit derart zu diffamieren und an den Pranger zu stellen, dass eine Gefährdung dieser politisch engagierten BürgerInnen nicht auszuschließen ist, andererseits sich selbst als Lösung zur Befreiung von Gewalterfahrung, Schmerz und Demütigung anzubiedern.

Nahe liegend, dass der Marktführer unter den türkischen Tageszeitungen im Stammland, der sich auch in Deutschland großer Beliebtheit erfreut, versuchte, mit dieser Aktion Pluspunkte für die Aufnahme der Türkei in die Europäische Gemeinschaft zu sammeln. Geschickt zielt die Hürriyet auf die menschlich nachvollziehbare Sehnsucht nach häuslichem Frieden und Harmonie, die einen hohen Stellenwert bei europäischen Gutmenschen wie auch MuslimInnen haben. Häuslicher und gesellschaftlicher Frieden sei jedoch mit ’ModernistInnen und Aufklärungshysterikerinnen’ wie Ateş, Kelek, und Çileli nicht zu erreichen, die drei würden eben dieses Leitbild gefährden. Die ’Nestbeschmutzerinnen’ würden ’Türkentum und Islam beleidigen’, entehren und ’Hass zwischen Deutschen und Türken säen’.

Dadurch erweckte das türkische Boulevardblatt, in Aufmachung und Bekanntheitsgrad etwa mit der Bild vergleichbar, bei vielen LeserInnen den Eindruck, die Aktivistinnen seien Verräterinnen an Religion, Volk und Vaterland. Sie würden den Frauen ’Flausen’ wie ’Ungehorsam’, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Freiheit, Recht auf Bildung, Platzverweis nach dem Gewaltschutzgesetz in den Kopf setzen. Muslimas, die sich am Beispiel der politisch engagierten türkischstämmigen Deutschen orientieren, würden Fitna verbreiten, Zwietracht säen, das Urübel für Unstimmigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, Streit und den Wunsch nach Trennung. Eine solche Lebensweise sei für eine langjährige, stabile Beziehung und ein glückliches Familienleben jedoch äußerst hinderlich und verstoße gegen islamische Ideale.

Zeitung und Partei‑Islam, Hürriyet und AKP, die von Recep Tayyip Erdoğan[43], [44], [45], [46] geführt wird, würden einen Königsweg in die technologische Moderne anbieten, der idyllischen Familienfrieden und Beziehungen ermöglicht, ohne den Koran und die ’Adil Düzen[47]’ (gerechte Ordnung) in Frage zu stellen. Ein Massenmedium wie die Hürriyet, zu deren Verlagsimperium (Leitung Aydin Doğan) auch Zeitungen wie Milliyet und Fanatik sowie mehrere Fernsehsender gehören, weiß um seinen Einfluss auf die Meinungsbildung der LeserInnen. Viele Gleichheitsfeministinnen halten die prinzipiell begrüßenswerte Kampagne der Hürriyet gegen häusliche Gewalt deshalb der Demokratie und den universellen Menschenrechten genauso wenig verpflichtet wie die Bemühungen der Aktion ’Hand in Hand gegen Zwangsheirat’, dessen Schirmherr Tariq Ramadan eine sehr schillernde Persönlichkeit ist[48], [49] und dem ’Aktionsbündnis Zwangsheirat’[50], an dem unter anderem der Integrationsbeauftragte Günter Piening, der Berliner Verein ’Inssan’[51] und die Muslimische Jugend Deutschland[52], [53] beteiligt sind, zwei islamische Vereine, deren Führungspersönlichkeiten[54], Arbeitsgrundlagen und Ziele von uns DemokratInnen kritisiert werden müssen.

Der Medienzar Aydin Doğan, und seine Redakteure tragen auf Grund ihrer Macht eine besonders große Verantwortung, deren sie sich durchaus bewusst sind. Sie können sich die Hände nicht in Unschuld waschen, wenn Frauen wie Kelek, Ateş und Çileli sich durch die verzerrenden, unsachlichen Artikel in dem Blatt vollkommen zu Recht bedroht fühlen. Frei nach dem Motto, wer Wind sät, wird Sturm ernten, sollte sich nicht wundern, dass diejenigen, die Sturm säen, einen Orkan heraufbeschwören. Die Hetzkampagne gegen die Autorinnen könnte man auch als Warnung verstehen. Tanzt nicht aus der Reihe[55], dann, und nur dann braucht ihr nichts zu befürchten[56], die Frauen keine Gewalt, die Männer nicht den Spott als ’Weichei’ verlacht zu werden, weil sie unter dem Pantoffel ihrer Frauen und Mütter stehen.

8. Mit Benzin Feuer löschen? Gefährlich. Wenig ratsam. Den Bock zum Gärtner machen? Auch nicht empfehlenswert

Damalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt lehnt Schirmherrschaft ab, Zusammenarbeit mit Terre des Femmes fraglich

Die Zeitungsaktion gegen häusliche Gewalt sollte in Deutschland genauso erfolgreich werden wie in der Türkei. In Vorgesprächen hatte man sich deshalb der Zusammenarbeit mit Terre des Femmes, der wohl bekanntesten Organisation im Kampf um Rechte von Frauen, die seit mehreren Jahren hervorragende Arbeit zum Thema häusliche Gewalt leistet, und dem Bundesfamilienministeriums bemüht. Nachdem die jedoch von den sich über Wochen hinziehenden Beschimpfungen in den unsachlichen, aufhetzenden und diffamierenden Artikeln erfuhren, zogen sie ihr Unterstützungsangebot zurück. In einem Brief stellte Terre des Femmes klar, dass die Artikel so ’irritierend und kontraproduktiv’ seien, dass sie zeigen würden, dass die Zeitung an einer differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt in Familien nicht interessiert sei. Auch die damalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt[57], der Hürriyet die Schirmherrschaft angetragen hatte, lehnte dieses an sich ehrenvolle Amt nicht nur aus terminlichen Gründen ab.

Männergewalt (Täteranteil 95%) gegen Frauen kostet die Solidargemeinschaft nach Angaben der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes 14,8 Milliarden Euro durch Polizeieinsätze, ärztliche Behandlungen in Praxen und Krankenhäusern, Gerichtsverhandlungen, Arbeitsausfälle. 40.000 Frauen, teilweise mit kleinen Kindern, fliehen jährlich in Frauenhäuser[58]. Diese Zahlen beweisen, wie wichtig ehrliches, Engagement wäre. Als-ob-Veranstaltungen aus politischem Kalkül (Beitritt in die Europäische Gemeinschaft), wegen Wettbewerbsvorteilen oder zum Aufpolieren des eigenen Images sind für den Erfolg eines Projektes nicht dienlich und werden nicht ernst genommen. Daher wird es so mancher/m sehr sonderbar erscheinen, dass das bekannte Boulevardblatt für seine Initiative gegen häusliche Gewalt trotz seiner Hetztiraden gegen drei der prominentesten KämpferInnen gegen patriarchalische Machtstrukturen 2007 anlässlich der Verleihung des Hauptstadtpreises für Integration und Toleranz den Sonderpreis erhalten hat. Edel sei der Multi-Kulti, hilfreich und gut, besonders wenn es seinen Wirtschaftsinteressen dient.

Wenn fröhliches Kinderlachen, Freude am Leben, Gesundheit, Optimismus, und Hoffnung als Kennzeichen hoher Lebensqualität und Voraussetzung gesunder Persönlichkeitsentwicklung auch in orthodoxe Familienmilieus einziehen sollen, müssen die diesen frühmittelalterlichen Sozialstrukturen zugrunde liegenden Hierarchien, Moralvorstellungen und Menschenbilder dekonstruiert, analysiert, und neu aufgebaut werden. AutorInnen wie Kelek, Ateş, Çileli und Bläser haben mit ihren Büchern, Berichten und Kommentaren nicht unwesentlich dazu beigetragen, auf hinderliche Integrationsbarrieren und die sich konsolidierende Parallelgesellschaft aufmerksam zu machen. Sogar die Bundesregierung erkannte den Handlungsbedarf, gab einschlägige Studien in Auftrag[59], richtete Integrationsgipfel ein, lud zur Islamkonferenz.

Wer Berichte über die Zwischenbilanz dieser Treffen kennt, die Ergebnisse der Studien zusammenfasst, Auszüge aus den Statistiken des Jahresberichts der Bundesintegrationsbeauftragten Maria Böhmer liest und all diese Resultate in der Berufpraxis bestätigt sieht, muss allerdings sehr optimistisch eingestellt sein, um trotzdem noch an eine erfolgreiche Integration zu glauben[60]. Die Familienrechtlerin Çelebi sagt, ’das Wort Integration’ sei ’bei den Menschen nicht angekommen’, darüber, dass sie die Integration für gescheitert hält oder gar dafür, dass die türkischen MitbürgerInnen nicht integrierbar seien, konnte die Autorin dieses Textes Posts keinen Beleg finden. Sachlich, offen und ehrlich kritisiert sie in ihrem Buch das Patriarchat, den fundamentalistischen Islam und die Doppelmoral der Ehre. Auch wenn das vielen nicht gefällt, es ist ihr gutes Recht, solange sie für ihre Behauptungen und Ausführungen Belege anführen kann. Und das kann sie zuhauf.

9. Wer sein Volk liebt, kritisiert es

Lobhudelei, also nur loben, ausschließlich Positives sagen und stromlinienförmiges nach dem Mund reden, angepasst sein, selbst wenn Zweifel oder Bedenken aufkommen, zeugt nicht von Sympathie oder Zuneigung. „Die Intellektuellen, die in den letzten 200 Jahren Deutschland den guten Ruf in Kultur, Medizin und Wissenschaft eingebracht haben, sind von den ’nationaltümelnden, ehrenhaften’ Verteidigern des Kollektivs stets als NestbeschmutzerInnen beschimpft worden. Heine, Freud, Tucholski sind als antideutsche Deutsche verleumdet worden, weil sie das Individuum vor das Kollektiv stellten und damit der Gesellschaft den Weg in die kulturelle Moderne ebneten. Heute erst weiß sich die deutsche Demokratie diesen unbequemen, aufrichtigen Menschen zu Dank verpflichtet.“ (Jacques Auvergne)

Wie uns die geschichtliche Epoche in der wir leben prägt und beeinflusst, so kennzeichnet und motiviert uns auch der kulturelle und weltanschauliche Hintergrund von Milieu und (Groß-)Familie. Belastungen jedoch, die sich für das Individuum durch Zugehörigkeit zu einem Teilkollektiv der Zuwanderungsgesellschaft ergeben können (Zwangsverheiratung, Genderapartheit, Zwangsbeschneidung bei Mädchen und Jungen, Ehrenmord, häusliche Gewalt, fundamentalistische Weltanschauungen, dschihadistischer Islam), müssen frei nach dem Motto des Buches von Ulrich Wickert[61] ’Gauner muss man Gauner nennen’ eindeutig benannt werden dürfen, um Bedrohungen, und Einschränkungen der Lebensqualität der/des Einzelnen zu minimieren und universelle Menschenrechte für jede Frau, jeden Mann und jedes Kind durchzusetzen.

10. Deutschlands prekär integrierte Auslandstürken. Zwischen profanem Anwerbeabkommen und sakraler Hidschra

Die unheilige Allianz aus subventioniertem Kulturrelativismus, selbstherrlichem Gutmenschentum und Fundamentalisierung der MuslimInnen verschleppte seit knapp dreißig Jahren die Integration der NeubürgerInnen. Viele von ihnen nahmen gerne den deutschen Pass, ohne sich verpflichtet zu fühlen, eine Gegenleistung an die aufnehmende Gesellschaft zu erbringen. So boykottierten beispielsweise drei wichtige türkische Verbände den zweiten Integrationsgipfel wegen der im Zuwanderungsgesetz verschärften Nachzugsbedingungen von ’Angehörigen’ in die Bundesrepublik[62]. Grundlegende Deutschkenntnisse, die z. B. die in den Sommerferien in der Heimat oft genug zwangsangetrauten Bräute nachweisen müssen, um nach Deutschland zu ihrem Ehemann überzusiedeln, sollen eine solche Zumutung sein, dass man ’beleidigt’ spielen darf? Demokratie und universelle Menschenrechte wie an der Käsetheke, nach dem Motto „Wie viel Frauenrechte, Freiheit und Demokratie darf’s denn bitte sein?“

Wie stehen die (Ehe-)Frauen selbst zu dem Test? Wehren sie sich auch mit Händen und Füßen gegen die Chance, Grundkenntnisse zu erwerben, die ihnen ermöglichen, sich mit den Ureinwohnern wenigstens notdürftig zu verständigen, sich schneller einzuleben, besser zurechtzufinden und nicht nur bezüglich der Außenkontakte der ’gelin’ die totale Abhängigkeit vom Ehemann, dessen Großzügigkeit und dem Wohlwollen seiner Familie zu reduzieren? Das ist doch eher unwahrscheinlich. Würden sich die Nachzugsbedingungen ausschließlich auf männliche Einreisewillige beschränken, bin ich davon überzeugt, dass wir keine Auseinandersetzungen um dieses Thema hätten. Eine solche gesetzliche Voraussetzung für den Nachzug erschreckt doch wohl eher die islamischen Verbände und patriarchalischen Familienoberhäupter, die ihre Allmacht über ihre kaum den Kinderschuhen entwachsenen ’zoontjesfabrieken’ (Hirsi Ali) schwinden sehen. Denn ihnen käme es sicherlich nicht ungelegen, wenn die Frauen gezielt sprachlos und ’mundtot’ bleiben würden, damit deren Aktionsradius möglichst auf den gemeinsamen Haushalt und Verwandtenbesuche beschränkt bleibt und der Erfahrungshorizont Kinder, Küche und Religion nicht übersteigt.

Kontakte zu urdeutschen NachbarInnen und zur (männlichen) Urbevölkerung sind offensichtlich nicht erwünscht. Sicherlich gibt es auch in der neuen Heimat Deutschland längst in fast jeder Stadt Landsleute, die Dienstleistungen, Gesundheitsvorsorge und Waren des täglichen Bedarfs anbieten, jedoch bleibt das soziale Umfeld der Migrantinnen sehr einseitig, wenn Frauen nur Kontakte zu Menschen gleicher Herkunft und Muttersprache sowie in der Regel des gleichen Geschlechts haben sollen. Wo bleibt da die multikulturelle Vielfalt, Toleranz und Aufgeschlossenheit, die man der autochthonen Bevölkerung ganz selbstverständlich abverlangt? Sollte sich der Mann ’scheiden’ lassen, dazu reicht in der halbierten Moderne[63] unter Umständen eine SMS, wäre die frisch Geschiedene ohne Sprachkenntnisse recht isoliert und ziemlich hilflos, da in den vielen orthodoxen Sippen mit der Trennung die Ex-Ehefrau aus der Familiengemeinschaft ausgeschlossen wird und auch die rechtgläubige Ursprungsfamilie wegen der ’Schande’ der Scheidung die Tochter nicht mit offenen Armen empfangen wird.

Ohne unterstützendes Netzwerk und zumindest grundlegendes Verstehen und Sprechen der Landessprache Kontakt zu Behörden und Beratungsstellen aufzunehmen, wäre eine fast unüberwindliche Hürde. Gibt es Kinder, würde sie möglicherweise weder um das Sorgerecht noch um Unterhalt vor Gericht kämpfen können. Die Ex‑Ehemänner, die meist schon lange Jahre in Deutschland leben oder gar hier geboren sind, lassen sich jedenfalls nicht gängeln oder bevormunden. Sie genießen wie ihre unverheirateten Geschlechtsgenossen die sinnlichen Welteindrücke und die Freiheit, sich mit jeder/jedem an jedem Ort zu verabreden und jede/n zu besuchen in vollen Zügen, für sie gibt es keine ’Kamel‑Fatwa’. Es kann überlebenswichtig sein, sich außerhalb des gewohnten Umfelds in der Landessprache verständigen und um zu Hilfe bitten zu können. ÄrztInnen sind auf genaue Beschreibung der Beschwerden der/des Kranken angewiesen, um eine sichere Diagnose zu stellen, die/der PatientIn muss die Behandlungs- und Genesungstipps verstehen können, um ihre/seine Krankheit optimal auszuheilen. Den Aufdruck auf Verpackungen und Flaschenetiketten sollte man lesen und verstehen können, um tödliche Verwechslungen auszuschließen und im Lebensmittelladen nicht verzweifelt vor den Regalen zu stehen und vorbeigehende KundInnen, mit den Händen ausholend und so etwas wie eine Explosion andeutend, nach „Back … Puff!“ zu fragen, wenn man Hefe zum Brotbacken sucht.

Sprachkenntnisse, die übrigens auch Nachzugswillige aus nicht muslimisch geprägten Drittländern nachweisen müssen[64], erleichtern das Einleben der NeubürgerInnen in der neuen Heimat und tragen dazu bei, dass sie sich hier sicher und geborgen fühlen können. Die Fähigkeit sich in der Landessprache unterhalten und verständigen zu können, ermöglicht den ZuwanderInnen ihren Erfahrungs- und Aktionsradius zu erweitern, sich anderen mitzuteilen, Informationen lesend oder hörend aufzunehmen, zu verarbeiten und bei Verständnisschwierigkeiten nachzufragen. Der Sprachtest setzt eine Alphabetisierung und Kenntnisse in den Kulturtechniken[65] voraus. Fahrpläne lesen und Zugverbindungen erfragen können, sich Fahrkarten am Schalter kaufen zu können oder Durchsagen in Bahnhöfen verstehen zu können, das sind Kompetenzen, die dazu beitragen, sich gleichberechtigt am öffentlichen Leben zu beteiligen, zu reisen, sich zu informieren und sich zu schützen. Sie ermöglichen und fördern das gutnachbarschaftliche Zusammenleben mit der ursprungsdeutschen Bevölkerung.

Nicht Mindestalter und Sprachtest verstoßen gegen die FdGO und universelle Menschenrechte, sondern das tolerante Hinnehmen sozialer und sprachlicher Isolation. Die schleppende Einbürgerung durch Re‑Islamisierung, selbstgewählte Fremdheit, Genderapartheit und Kastenbildung in Dhimmis, Harbis und MuslimInnen sowie die konsequente Weigerung, in der Familie neben der Muttersprache auch die deutsche Sprache zu pflegen, die Ablehnung der Trennung von Staat und Religion sowie die Unterordnung der Verfassung und der daraus abgeleiteten Gesetze, Regeln, Verhaltensnormen unter Koran, Sunna und Scharia ermöglichen die Konsolidierung vom Staat im Staate. Schariatische Parallelgesellschaften verhindern jedoch eine chancengleiche Partizipation und erodieren die Demokratie, um sie durch ein Kalifat zu ersetzen. Diese Gesellschaftsform jedoch verstößt gegen demokratische Prinzipien und universelle Menschenrechte und wird daher von der Mehrheit der Bevölkerung abgelehnt.

Die nachhaltige Sicherung des sozialen Friedens in Europa wird ohne die gelingende Integration aller ZuwanderInnen (auch der osteuropäischen) in die auf den universellen Menschenrechten fußenden demokratischen Gesellschaften nicht gelingen. Die auf den universellen Menschenrechten basierende Verfassung ist die oberste rechtliche Grundlage, der alle Gesetze und Verordnungen untergeordnet sind, mit der jede Vorschrift kompatibel sein muss. Wie zu einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft die Drei‑Gewalten‑Teilung gehört, ist auch die Trennung von Staat und Kirche/Religion zu beachten. Bekennender Religionsunterricht, egal welcher Gemeinschaft, wäre daher an staatlichen Schulen nicht zulässig. Feste, Riten und Alltagsgewohnheiten sind diesen Prinzipien ebenfalls unterzuordnen. Die Religionsfreiheit ist ein unbedingt schützenswertes Rechtsgut, das jedoch wie jedes Grundrecht dann zurückzutreten hat, wenn höherrangige Freiheitsrechte (hier vor allem Art. 1, 2 und 3) verletzt werden. Diese Qualitätskriterien westlicher Demokratien sind sozusagen fardh, absolut verbindlich. Brauchtum, Verhaltens- und Denkmuster sowie patriarchalische Machtstrukturen aus der kulturellen Vormoderne, die eben nicht mit den Grundsätzen demokratischer Rechtsstaaten vereinbar sind, müssen verworfen werden.

Patriarchalische, verkrustete, genderspaltende Verhaltensmuster des Frühmittelalters sind auch mit unserer globalisierten, hoch technisierten Informations- und Dienstleistungsgesellschaft nicht kompatibel. Sie lähmen Kreativität, Eigeninitiative und potentielle Schaffenskraft, verhindern Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung.

Nach dem zwar späten aber großzügigen Angebot der autochthonen Gesellschaft, die ZuwanderInnen als gleichberechtigte BürgerInnen einzugliedern, liegt die Integrationsleistung nun durchaus auf der Seite der ZuwanderInnen. Schließlich bietet die aufnehmende Gesellschaft ihnen die Möglichkeit, in einem demokratischen Land zu leben, das jeder/jedem Einzelnen garantiert, sich innerhalb der verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen frei zu entfalten und als Single oder mit ihrer/seiner Verwandtschaft sozial abgesichert in Frieden und Freiheit hier zu leben. Eine frauenfeindliche Parallelgesellschaft nach den Gesetzen vormoderner Kalifate, die Demokratie, Verfassung und Rechtsstaatlichkeit ironisiert und ignoriert, lehnt die Mehrheit der BundesbürgerInnen ab. Die Bundesrepublik Deutschland ist auch kein Sterne-Restaurant in dem man sich der Grund- und Menschenrechte à la carte bedienen könnte. Wenn wir nicht die Saat der Religionskämpfe in Deutschland legen wollen, müssen wir über die Säkularisierung debattieren, statt pseudo-islamische Körperschaften anzuerkennen und Scharia‑Islam in den Schulen zu lehren.

11. Das Gangsta-Kalifat. Über City-Dschihad und erzwungene Muslimisierung

Schaffen wir es nicht, die Hürden, die einer gelingenden Eingliederung in eine freiheitlich-demokratischen Gesellschaft entgegenstehen gemeinsam zu überwinden, werden unsere Kinder mit Zuwanderungsgeschichte weiterhin zwischen den Fronten der konkurrierenden Interessengruppen, ’Säkulare MuslimInnen’ (Ateş, Çileli, Kelek) bzw. FundamentalistInnen (Tariq Ramadan, Milli Görüş) einerseits sowie den kulturrelativistischen Gutmenschen (Claudia Roth, Mark Terkessidis) bzw. gleichheitsfeministischen, partnerschaftliche Integration auf Augenhöhe befürwortenden AltbürgerInnen andererseits hin- und her gestoßen. Dabei ist die Gefahr groß, sich an den unebenen Grenzflächen dieser Blöcke wie zwischen Schleifsteinen aufzureiben. Durch die selbstgewählte Fremdheit, die in der islamischen Orthodoxie auch noch religiös begründet wird, (’al-walâ’ w-al-barâ’a’) lehnen viele muslimische Identifikationsfiguren (Eltern, Imam, Hodscha) die Integration als angebliche Assimilation ab, weshalb sie sich bewusst ’anders’ kleiden, verhalten und es ablehnen, die Landessprache zu sprechen.

Die hier eingeschulten oder gar in Deutschland geborenen Jugendlichen fühlen jedoch auch eine diffuse Verbundenheit mit der westlichen Kultur, da sie zumindest weitgehend hier aufgewachsen sind und die Heimat ihrer Eltern oder Großeltern nur aus dem Urlaub kennen. Durch den oft hohen sprachlichen Förderbedarf bleiben sehr viele SchülerInnen jedoch leider weit hinter ihrem eigentlichen geistigen Leistungspotential zurück und versagen in der Schule, weshalb sie als ’Looser’ in der Regel nur in der Gruppe der teilweise devianten Außenseiter integriert sind, die Mädchen sind oft noch viel isolierter. Eine meiner Nachhilfeschülerinnen mit Migrationshintergrund, die hier in Deutschland geboren ist, hat sich bei mir bitterlich beschwert, dass sie nach ihrer Herkunft gefragt, mit „Aus Deutschland, ich bin hier geboren“ antwortete, das aber nicht akzeptiert wurde und mit „und woher kommst du wirklich“ nachgehakt wurde. Ähnlich ergeht es den jungen Menschen während des Urlaubs in der Heimat, dort gelten sie als ‚Almanci’, ’DeutschländerIn’.

Aus Angst vor Assimilation und Entfremdung von der Religion ermahnen sie auch ihre Eltern, keinen engen Kontakt zu ’kuffâr’ zu pflegen. Ohne Zugehörigkeitsgefühl, ohne seelisch-geistiges beheimatet sein, kann der Mensch jedoch keine Identität entwickeln. Darunter leiden Ich-Stärke und Selbstwertgefühl. Zwischen den Kulturen hin und her gerissen fühlen sie sich nirgendwo zuhause. Viele Jugendliche und Heranwachsende glauben daher, weder erfahrene, vertrauenswürdige AnsprechpartnerInnen noch einen Schutzraum zu haben. Vor allem unter den männlichen Heranwachsenden mit Migrationshintergrund sind immense Zukunfts- und Existenzängste weit verbreitet[66], ihr Hang zu Hochrisikoverhalten und Devianz ist ausgeprägt[67], [68]. Die Heranwachsenden, die sich mit den Song- und Raptexten ihrer Idole, die von Gewalt, Straßenkampf, Drogen, Kriminalität und Sexismus handeln, identifizieren, fühlen sich oft außer von diesen MusikinterpretInnen nur von ihren Peergroups verstanden.

Viele dieser jungen Menschen glauben, wegen ihrer Herkunft von Staat, Schule und Gesellschaft benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden. Sie sind davon überzeugt, dass, anders als bei jungen Herkunftsdeutschen, selbst denen aus benachteiligten Familien[69], für muslimisch sozialisierte BürgerInnen, vor allem für TürkInnen, berufliche Aufstiegschancen und soziale wie ökonomische Beteiligung am gesellschaftlichen Leben kaum erreichbar sind. Besonders die männlichen Heranwachsenden unter ihnen haben oft resigniert und sind sich sicher, aus eigener Kraft nichts an ihren schlechten Zukunftschancen ändern zu können. Selbst Opfer patriarchalischer Clanstrukturen und familiärer Gewalt, respektieren sie allein das Gesetz des Stärkeren, weshalb sie meinen, sich durch provokantes, machohaftes Benehmen, Sexismus und Regelverstöße ’profilieren’ zu müssen. In traditionellen Erziehungs- und Verhaltensmustern verhaftet, von negativen Erfahrungen und fatalistischer Grundeinstellung geprägt, weigern sie sich gänzlich unkreativ und unflexibel, sich auf innovative Alternativen in der Alltagsgestaltung einzulassen oder gar eigene Lebenskonzepte selbst zu entwerfen. Als junge Familienväter werden sie dann die bei den älteren männlichen Verwandten abgeschauten Rollenkonzepte übernehmen und ihrerseits weitervermitteln und tradieren, Generation für Generation. Ein Ausstieg scheint nicht möglich.

12. Aufklärung und Universelle Menschenrechte

Unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Eingliederung in eine säkulare, komplexe Informations- und Dienstleistungsgesellschaft und unverzichtbar für demokratisches, gleichberechtigtes Mitgestalten des Gemeinschaftslebens ist ein aufgeklärtes, humanistisches Weltbild, das in jedem Menschen unabhängig von Geschlecht, Rasse und Religion eine eigenständige, in sich wertvolle Persönlichkeit sieht und achtet. Selbst eineiige Zwillinge sind Individuen mit eigenen Wünschen, Ideen und Fähigkeiten, welche als individuelle Ausdrucksformen ihres einzigartigen Wesens wahrzunehmen und anzuerkennen sind. Es mag für uns Erwachsene niedlich aussehen, wenn die Geschwister im Partnerlook auftreten, die Brüder oder Schwestern nervt es nicht selten.

Alle Menschen, unabhängig von Geschlecht, Rasse und Religion sind gleich und frei, sie haben das Recht auf eine von ihnen auf ihre persönlichen Bedürfnisse maßgeschneiderte Biographie. HumanistInnen bestimmen ihr Leben weitestgehend selbst, ohne die Grundrechte ihrer Mitmenschen zu verletzen. Sie sehen den Menschen als ganzheitliches Wesen, das eben nicht durch seine Sexualtriebe, Instinkte oder Umweltdeterminanten bestimmt wird, sondern durch seinen freien Willen und das Bemühen um Selbstverwirklichung. An Körper, Geist und Seele von Frau und Mann ist von Natur aus nichts Frevelhaftes. Frauen und Männer haben die gleiche erotische Ausstrahlung.

Ohne ein Mindestmaß an sozialen Kontakten verkümmert der Mensch. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Mädchen wie Jungen nonkoedukative und koedukative Unterrichts- und Freizeitangebote. Der Umgang mit mehreren vertrauten wie auch unbekannten Gleichaltrigen und Erwachsenen beider Geschlechtsklassen, unterschiedlicher Herkunft und Religion, schult die Sozialkompetenzen und den Erfahrungshorizont. Auch erwachsene Musliminnen brauchen diese Außenkontakte, die auch zur Verbesserung der Sprachkompetenzen der Muttersprache wie der deutschen Sprache genutzt werden können, ihre gleichberechtigte Beteiligung an der Planung und Gestaltung der Gesellschaft ist genauso gefragt wie die der Männer.

Das Potential an kognitiven Fähigkeiten ist von Geburt an bei beiden Geschlechtern gleich stark ausgeprägt. Das Fühlen, Lernen, zielgerichtete Handeln und Planen, Denken und Sprechen, Abstrahieren, Rückschlüsse ziehen sowie die Erkenntnisfähigkeit, Urteilsfähigkeit, Entscheidungsfähigkeit und der Wissenstransfer sind nicht an das Y-Chromosom gebunden. Kleine Mädchen und Jungen suchen Tag für Tag nach Herausforderungen, an denen sie diese Fähigkeiten ausprobieren, um sie anpassen oder verbessern zu können. Nur wenn ihre natürliche Neugierde und Experimentierfreude durch explizite Genderapartheit in Erziehung und Sozialisation, fundamentalistische Denkschablonen und religiöse Verbote eingedämmt wird, stellen die Kinder ihr produktives Verhalten ein.

Rasse, Herkunft oder Religion bzw. Nichtreligion sind keine Determinanten für Intelligenz oder charakteristische Wesenszüge, vielmehr sind Erziehung, Sozialisation, Kultur, Chancen auf schulische Bildung, das Beispiel lesender Eltern, Geschwisterkonstellation und gesellschaftspolitische Systeme prägende Faktoren für diese Persönlichkeitsmerkmale. Alle Menschen haben prinzipiell die notwendigen Anlagen, um rational zu denken, Sachverhalte zu reflektieren, an der Ehrlichkeit von Personen, der Authentizität von Berichten zu zweifeln oder moralisches Fehlverhalten anzuprangern, Selbstkritik zu üben, Phantasie und Kreativität zu entwickeln, sich zu einer reifen, demokratischen Persönlichkeit zu ’bilden’.

13. Nachhaltige Bildungsarbeit

Der angeborene Wissens- und Bildungsdurst braucht jedoch förderliche Rahmenbedingungen, ohne die er verkümmert. Das Lernklima an unseren Regelschulen ist jedenfalls momentan weitgehend ungeeignet, solche Vorraussetzungen bereitzustellen. Unzureichend und wenig praxisorientiert ausgebildete LehrerInnen sind auf die Realität in den Klassenzimmern nicht vorbereitet. Sie stehen meist vor viel zu großen Klassen, deren kulturelle und religiöse Zusammensetzung so heterogen und brisant zusammengewürfelt sein kann, dass ethno-religiöse Vorurteile und Konflikte, die von den Erwachsenen zu hause vermittelt und von den SchülerInnen in Klassengemeinschaft herein getragen werden, einen störungsfreien Unterricht unmöglich machen. Die SozialpädagogInnen im Netzwerk Schariagegner kennen Grundschulklassen, in denen die Kinder fünf verschiedene Muttersprachen sprechen und die Qualität der Deutschkenntnisse noch unterschiedlicher ist.

Wenn man über die Eignung von ’Delfin 4’ als Testgrundlage auch geteilter Meinung sein kann, die Sprachstandserhebungen bei Vierjährigen vermitteln den ErzieherInnen und Eltern einen Überblick über sprachliche Kenntnisse und Entwicklungspotentiale[70]. Sie geben genügend Zeit, den Wortschatz der Kleinen bis zur Einschulung spielerisch auszubauen, die klare und richtige Aussprache zu üben und Sprachfehler (z.B. Lispeln) abzubauen. Die sich anschließende Sprachförderung[71] ist dann besonders sinnvoll, wenn auch in der Freizeit, die man außerhalb des Kindergartens mit anderen Kindern an den Lieblingsaufenthaltsorten und mit Eltern und Geschwistern in der Familie verbringt, viel in der Muttersprache wie auch in Deutsch miteinander geredet wird.

In Familien mit Migrationshintergrund sollte beachtet werden, dass so früh wie möglich neben der Muttersprache auch Deutsch gesprochen wird. Da die Mütter erwiesenermaßen die ersten und wichtigsten VermittlerInnen der Mutter- wie auch der deutschen Sprache sind, sollten sie über ausreichende Sprachkompetenzen in beiden Bereichen verfügen. Für autochthone wie auch allochthone Familien gilt gleichermaßen: Angstfreies miteinander sprechen ohne Tabus, Fragen klären, alle ihre Erlebnisse, Gefühle und Sorgen einander mitteilen, Meinungsverschiedenheiten partnerschaftlich ausdiskutieren, Geschichten vorlesen unterstützt. die altersgemäße Sprachentwicklung optimal.

Hier wird auch der Grundstein für das spätere Interesse an weiteren Fremdsprachen gelegt Mehrsprachigkeit ist eine gefragte Kompetenz auf dem globalisierten Arbeitsmarkt und erhöht den beruflichen Erfolg. So könnte wenigstens verhindert werden, dass ErstklässlerInnen eingeschult werden, die keinen vollständigen Satz bilden können und daher nicht in der Lage sind, sich angemessen mitzuteilen. Es verdirbt den Spaß am Lernen, wenn man weder in der Lage ist, Fragen der LehrerIn zu beantworten noch dem Unterricht zu folgen. „Ich Ball, ich Treppe, ich Keller, ich Garten“ – Ich nehme den Ball, gehe die Treppe herunter durch den Keller, um im Garten zu spielen. Dieser ’türkische’ Erstklässler ist ebenso in Deutschland geboren worden wie seine Mutter und besuchte die einjährige Vorschulgruppe und davor drei Jahre lang einen Kindergarten.

’Lesen und mit Ali und seinen Freunden spielen’[72], würde dieses Motto eines Lesespielheftes tatsächlich umgesetzt, könnte das ErzieherInnen, LehrerInnen SchulsozialarbeiterInnen wesentlich entlasten. Wer in der großen Pause aufmerksam über den Schulhof deutscher Grundschulen geht, dem werden drei Dinge auffallen: a) Geschlechterapartheit. Weder die deutschen Mädchen und Jungen spielen miteinander noch die Schülerinnen mit Migrationshintergrund mit Schülern des gleichen oder anderen Herkunftslandes, erst recht nicht die allochthone Klassenkameradin mit dem autochthonen Mitschüler. b) Während Jungen untereinander in kulturell sehr gemischten Gruppen herumtoben, bilden die Mädchen ausgesprochen homogene Cliquen. c) Der Umgangston ist roh und laut und überspannt.

Selbst wenn die Kinder diese ’Hofordnung’ selber eingeführt haben, halte ich es für pädagogisch sinnvoll, diese spielerisch aufzulösen, beispielsweise indem man die Mädchen und Jungen dazu anregt, beliebte Gemeinschaftsspiele, vielleicht sogar aus den Herkunftsländern der SchülerInnen wie Lauf- und Fangspiele, Hüpfspiele, Boccia, Ballspiele oder Abzählreime umzusetzen. Die heterogenen, koedukativen Aktivitäten stärken Sozialkompetenzen, kommen nach mehreren Schulstunden Stillsitzen dem Bewegungsdrang der Kinder entgegen, fördern den internationalen Erfahrungsaustausch und üben den Sprachgebrauch. Nach solchen aktiven Pausen sind die Kinder ruhiger und konzentrierter.

Körperliche Betätigung und sprachliche Interaktion, Spaß haben und Toben wäre auch in der außerschulischen Freizeit pädagogisch empfehlenswert. Sich nach Schule und Hausaufgaben zweimal wöchentlich mit FreundInnen zu treffen, beispielsweise in einer heterogenen Jugendgruppe, um sich sowohl an koedukativen als auch geschlechtshomogenen Angeboten zu beteiligen, ist vergnüglich wie lehrreich. Sich je nach Wetter draußen auszutoben oder drinnen zu beschäftigen ist zu jeder Jahreszeit attraktiv und würde dem gefürchteten Bewegungsmangel der Kinder wie auch der ’Medienverwahrlosung’ der Jungen[73] entgegenwirken und für jede und jeden ein spannendes Handlungs- und Lernfeld bieten.

Vor allem für muslimische Mädchen gäbe es hier ein Betätigungsfeld zusätzlich zur traditionell sehr frühen Einweisung und Einbindung in Hausfrauen- und Mutterpflichten[74]. Sicherlich würde eine solche altersgerechte Betätigung an der frischen Luft auch die Präventionsarbeit der KinderärztInnen gegen kindliche Fehlernährung unterstützen. Krankhaftes Übergewicht durch Bewegungsmangel und ’Frustfraß wie auch Magersucht sind vor allem bei Kindern und Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischem Status vorzufinden, ein hoher Prozentsatz dieser Risikogruppe hat einen Migrationshintergrund. Magersucht beginnt schon im Kindesalter, Ursachen sind vor allem das idealtypische Frauenbild in den Medien und familiäre Konflikte[75], [76]..

14. Normschüler aufs Gymnasium, Migranten ab in die Hauptschule

So titelte der SCHULSPIEGEL am 05.12.07. Der Artikel stammte von dem vom Netzwerk Schariagegner geschätzten ’Frauenversteher und Migrationsforscher’ Mark Terkessidis. Nachdem wir SozialpädagogInnen im Team uns schon darüber gewundert hatten, was der Diplompsychologe und promovierte Pädagoge unter ’Gerechtigkeit für Muslime’ versteht, befürchteten wir Schlimmes. Wir wurden nicht überrascht. Diesmal ging es ihm um ’Gerechtigkeit für SchülerInnen’, kleiner Scherz[77]. Wortgewaltig schimpfte der Kölner Publizist in dem genannten Artikel über das deutsche Bildungswesen, das „Mittelstandskinder krass bevorzugt“: „die Entscheidungsträger“ würden sich schlicht „weigern, die Realität anzuerkennen.“

„Das Fünfziger-Jahre Normkind“ würden wir suchen und von diesem Ideal abweichenden SchülerInnen als ’Sorgenkinder’ brandmarken, Kindern gar das Lesen anraten. Nach der ’Logik der siebziger Jahre’ würden wir ’nur die Schwachpunkte sehen’, positive Entwicklungen würden ausgeblendet oder nicht gebührend gewürdigt. Wir würden den Kindern sogar nicht nur das ’Lesen empfehlen’ sondern auch vorschlagen, ’mit Ali und seinen Freunden’ zu spielen. Den Eltern mit Migrationshintergrund würden wir zumuten, ihre Wurzeln aus den Herkunftsländern auszureißen und ihre Herkunftskultur zu verraten, um sich völlig zu assimilieren. „Wenn sie nur alle Deutsch lernen, wenn sie damit aufhören, ihre Kinder zu schlagen, wenn sie Mädchen und Jungen gleich behandeln und endlich aus der ’Parallelgesellschaft’ ausziehen – wenn sie also so werden, wie ’wir’ denken, dass ’wir’ sind, dann kommt schon alles wieder in Ordnung.“

Wenn GrundschullehrerInnen aufgrund ihres komplexen Arbeitsalltags damit überfordert wären, ihre Zöglinge, die sie in der Regel über vier Jahre lang durch die ersten Schuljahre begleiten, zu beobachten und außer Stande wären, die Sozialkompetenz und den Kenntnisstand ihrer Schützlinge kompetent und fair zu beurteilen, dazu neigen würden, aus persönlichen Gründen oder rassistischen Motiven SchülerInnen aus Familien mit Zuwanderungsgeschichte zu benachteiligen und zu diskriminieren, wäre das sicherlich von kämpferischen Müttern[78], objektiven Elternpflegschaftsvorsitzenden, SchülerInnen, Vorgesetzen oder gutmenschelnden KulturrelativistInnen, von denen es in pädagogischen Berufen nur so wimmelt, kritisiert und gerügt worden. Oft bleibt den meist sehr erfahrenen PädagogInnen keine Wahl, die Hauptschule zu empfehlen, weil SchülerInnen auch nach vier Jahren Deutschunterricht und zusätzlichen Lerneinheiten ein deutlich erkennbares Förderpotential im sprachlichen Bereich aufweisen, dass jeder andere Rat unverantwortlich wäre.

Tatsächlich sind die Beherrschung der deutschen Sprache in Wort und Schrift, die Verinnerlichung von Werten und Normen der kulturellen Moderne und die Rahmenbedingungen des Grundgesetzes mit einem Generalschlüssel zu vergleichen, der jeder/jedem BürgerIn überreicht wird, um die Eingliederung in das soziale Umfeld zu ermöglichen. Er vereinfacht den Zugang zu qualifizierten Schulabschlüssen und schafft damit gute Voraussetzungen, einen selbst gewählten, anerkannten und leistungsgerecht bezahlten Beruf zu ergreifen. Gesundheitsvorsorge und soziale Absicherung, die eine weitgehend selbstbestimmte, freie Entfaltung der Persönlichkeit und die ungehinderte Teilnahme an Sport- und Freizeitaktivitäten garantieren, unterstützen eine ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung, beugen Krankheiten vor und entlasten die Solidargemeinschaft von vermeidbaren Kosten.

Fehlt ein Zacken im Schlüsselbart des Generalschlüssels, ist der freie, ungehinderte Zutritt zu Planungs- und Gestaltungsmöglichkeiten nicht mehr gewährleistet, das Individuum verliert den Anschluss an die Gemeinschaft. Leider versuchen muslimische Eltern immer wieder, tatkräftig unterstützt von legalistischen, islamischen Vereinigungen und deren RechtsvertreterInnen, ihre Töchter vom Biologie- bzw. Sexualkundeunterricht und vom Schwimm- und Sportunterricht zu befreien. Eine solche Segregation in ’reine Rechtgläubige’ und ’verachtenswerte Kuffâr’ spaltet statt zu integrieren und ist mit dem Gleichbehandlungsgrundsatz nicht kompatibel. Ebenso abzulehnen sind getrenntgeschlechtliche Schwimmzeiten oder gar ’MuslimInnenschwimmen’ in öffentlichen Bädern, MuslimInnensport in Hallen und auf Sportplätzen, wie dort auch sexistische Sportkleidung nicht zugelassen werden sollte. Zu solch Frauen diskriminierenden Outfits gehören z.B. Burkinis, Kopftücher und den ganzen Körper verhüllende Trainingsanzüge (im Sommer) genauso wie Bikinis und bauchfreie Sporttrikots für LeichtathletInnen und LäuferInnen. In Freibädern jedoch ist es Männern durchaus zuzumuten, Frauen in westlicher Badekleidung zu begegnen, ohne sie zu beleidigen oder vergewaltigend über sie herzufallen.

Auch in Forschung, Wissenschaft und Medizin werden nur gut ausgebildete Fachkräfte und Akademiker beschäftigt. Weibliches Krankenhauspersonal, das sich wegen der Aurah der nackten Unterarme aus religiösen Gründen bei Operationen die Ärmel nicht hochkrempeln will sowie Schwestern, Pfleger und ÄrztInnen, die sich weigern die Hände zu desinfizieren, weil die Antiseptika Alkohol enthalten, kann man[79], [80] in der Medizin und Krankenpflege nicht beschäftigen. Der orthodoxe Islam sieht in der bildnerischen Darstellung oder Abbildung die Gefahr der Vergötterung des Dargestellten, was einer Beigesellung anderer Götter zu Allah gleichkäme (Schirk) und gegen dessen Einzigartigkeit und Einmaligkeit verstoße. Je nach Madrassa, Glaubensrichtung oder Reformbewegung kann sich dieses Gebot auf die Darstellung oder Abbildung Allahs, der Propheten und einiger weniger für MuslimInnen wichtiger Personen beschränken oder die Abbildung aller Geschöpfe einbeziehen. Konservative islamische Verbände unterstützen daher die Abmeldung des Kindes vom Kunstunterricht staatlicher Schulen, wenn dieser das Zeichnen von Menschen und Tieren einschließen sollte[81]. Es ist nicht etwa rassistisch, den meisten ’Sorgenkindern’ die Hauptschule als weiterführende Schule zu empfehlen, sondern leider unumgänglich.

Diese Bankrotterklärung ist nicht zuletzt dem jahrzehntelangen politisch korrekten Vernebeln unserer (Sozial-)PädagogInnen, SoziologInnen, PolitikerInnen und sonstigen KulturrelativistInnen wie Terkessidis zu verdanken. Der ’Sachbuchautor der Generation Golf’[82], der sich hauptsächlich mit den Themen Jugend, Popkultur, Migration und Rassismus beschäftigt, hat sich schon mehrfach mächtig ins Zeug gelegt, um gemeinsam mit seinen MitstreiterInnen ’einer breiten Öffentlichkeit ohne Anbiederung und Konformismus eine neue Haltung von Kanaken (Menschen) aller Generationen zu vermitteln’. Alles klar? Nein? Kein Wunder. Als er gemeinsam mit der Turkologin, Politik- und Erziehungswissenschaftlerin Yasemin Karakaşoğlu in dem erwähnten offenen Brief ’Gerechtigkeit für die Muslime’ einforderte, befürchteten die beiden PublizistInnen offensichtlich, kein Gehör zu finden, ihr fachlicher Rat bei politischen Entscheidungen war mit dem Regierungswechsel wohl nicht mehr so gefragt, weshalb sie ihre Petition vorsichtshalber von 60 ’MigrationsforscherInnen’ unterzeichnen ließen. Ja, ja, das kühlere Klima und die Pfründe.

15. Unheilige Allianz. Wie subventioniertes Gutmenschentum und islamischer Fundamentalismus sich bestens arrangieren

Keine Schariatisierung des öffentlichen Raumes

Mit ihrer Politik des Appeasement und der nahezu grenzenlosen Toleranz idealisieren, restaurieren und verteidigen die oftmals selbsternannten SchutzpatronInnen der ’Töchter und Söhne Allahs’ die Andersartigkeit der MuslimInnen, schreibt die zivilcouragierte Arzu Toker[83] sinngemäß. Sie unterminieren mit dieser Bevormundung jeden Versuch der MigrantInnen, ihr Selbstverständnis, die persönliche Lebensgeschichte und ihre bisherige Sozialisation kritisch zu hinterfragen. Gutmenschen verunmöglichen mit ihrer die kulturellen Unterschiede verherrlichenden Haltung gegenüber ZuwanderInnen einerseits und der unbeirrbaren, autoritären Bevormundung Andersdenkender der Mehrheitsgesellschaft andererseits eine sich emanzipierende Persönlichkeitsentwicklung der NeubürgerInnen. Ohne Empowerment und Befreiung aus der erdrückenden Umklammerung des fundamentalistisch interpretierten Koran ebenso wie aus dem zu Tode Umarmen durch vornehmlich rot-grüne multikulturelle KulturrelativistInnen werden konservative, rechte LegalistInnen und deren AnhängerInnen ohne jegliche demokratische Opposition weiter am Staat im Staate bauen.

Der Kulturrelativismus, synonym Differentialismus ist eine Philosophie, die den Pluralismus der Kulturen herausstellt. Sie ist die Antithese des Universalismus und geht von der Voraussetzung aus, dass bestimmte kulturelle Verhaltensregeln nur aus ihrem eigenen Kontext heraus verstanden werden könnten. Moralprinzipien und Traditionen könnten daher nicht aus dem Blickwinkel anderer Wertesysteme und Gesellschaftsformen verglichen oder gar bewertet werden. VerfechterInnen dieses Prinzips lehnen es daher ab, zu fremden Sitten und Gebräuchen Stellung zu nehmen, ohne sie in Bezug auf die Gemeinschaft, in denen sie gepflegt werden, zu betrachten.

KulturrelativistInnen gehen davon aus, dass Moralvorschriften, Verhaltensregeln und Riten durch den Sozialisationsprozess, den jeder Mensch während seiner Entwicklung durchläuft, erarbeitet werden. Diesen Prozess der Persönlichkeitsbildung und Eingliederung in die Gesellschaft nennen sie Enkulturation. BefürworterInnen dieser Theorie sind davon überzeugt, dass niemand Werte internalisieren kann, ohne seine eigene Enkulturation einzubeziehen. Folgt man dieser Argumentationskette, wäre es utopisch und egozentrisch, Menschen, deren Sozialisation zu einem großen Teil in Theokratien und undemokratischen Staaten stattgefunden hat, abzuverlangen, sich in unser säkulares Gesellschaftssystem einzugliedern sowie die Allgemeingültigkeit der FdGO, des StGB und der Menschenrechtscharta (UN-Charta)[84] anzuerkennen.

Beide Seiten, die AltbürgerInnen und die Neuankömmlinge gingen zunächst von der Vorläufigkeit des Aufenthalts hier aus, worauf die damals übliche Bezeichnung ’Gastarbeiter‘ auch hinweist. Für die Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bestand also kein Grund, das beschriebene Enkulturationsmodell auf Langfristigkeit und Nachhaltigkeit zu durchdenken. Für viele UniversalistInnen wie Arzu Toker fördert die Theorie des Kulturrelativismus eine rassistische Denkweise, ohne seine ProtagonistInnen als RassistInnen diskreditieren zu müssen. Sie tarnt sich perfekt mit dem Denkmantel des informierten, verständnisvollen Gutmenschen, der oberflächlich betrachtet, kompetente, klientenzentrierte, politische und soziale Arbeit verrichtet. Diese Dhimmitude arbeitet jedoch nicht nur kongenial IslamistInnen und zu Allah konvertierten Deutschen in die Hände, die mit ihrem Märchen vom „europäischen Islam“ in legalistischer Manier versuchen, die FdGO auszuhöhlen (s. Düsseldorfer Landgericht: Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen bestätigt). Auch bekennende RassistInnen würzen ihre Suppe mit dem gleichen Salz, indem sie die von der Gegenseite der DifferentialistInnen idealisierte Andersartigkeit mit negativen Vorzeichen versehen.

Multikulturelle Gutmenschen leugnen bei Menschenrechtsverletzungen, die im Namen Allahs begangen werden das ’Tatmotiv fundamentalistischer, patriarchalischer Islam‘, solange dies möglich ist, danach verschweigen sie nicht selten einen Zusammenhang und wenn schließlich niemand mehr an einem Zusammenhang zweifeln kann, spielen sie ihn herunter. Toker argumentiert, das Bewahren, Konservieren des orthodoxen Islam, wie ihn beispielsweise die rechtskonservative Milli Görüş vertritt, sei im ureigensten Interesse der KulturrelativistInnen, weil er garantiert, ’dass „jene Fremden“ fremd bleiben und sich nicht unter „ihresgleichen“ mischen werden‘. Sollte der Multikulti Fanklub sich tatsächlich diesem Denken verschrieben haben, muss ich die Damen und Herren jedoch enttäuschen. Dieser rassistische Plan, sollte er denn bestanden haben, ist gründlich schief gelaufen. Muslimischen Mädchen ist es in der Regel zwar strikt verboten, einen Ungläubigen zum Freund zu haben oder zu heiraten, bei ihren Brüdern jedoch wird es nicht ungern gesehen, wenn sie deutsche fünfzehn-, sechzehnjährige Mädchen schwängern. Nicht selten werden diese aber nur benutzt, um sexuelle Erfahrungen zu sammeln, eine Ehe mit einer Dhimmi wird in der Regel nur geduldet, wenn diese konvertiert. Dem Druck der ’Dawa’ hält kaum eine Frau stand, daher tritt sie über oder beendet die Beziehung.

Sicher ist jedoch, dass sich mit kultursensibler Attitude gut Geld verdienen lässt, da so lange finanzielle Mittel in Migrationsforschung und Integrationsprojekte fließen, wie der ’Untersuchungsgegenstand‘ nur fremd genug bleibt. Nachdem AltbürgerInnen wie MigrantInnen ca. 1980, nicht zufällig in den Jahren der Konsolidierung des iranischen Gottesstaates, klar wurde, dass mit einer Rückwanderung der ’GastarbeiterInnen‘ nicht mehr zu rechnen war, viele hatten mittlerweile ihre Familien nachgeholt, missbrauchten beide Parteien, die ZuwanderInnen wie die Multi-Kulti-Fans, die veränderte Situation für den jeweils eigenen Zweck. Dabei arbeiteten sich beide Seiten ebenso kongenial wie verhängnisvoll zu, indem MigrantInnen, radikalisiert durch die iranische Revolution, die jetzt betont selbstgewählte Fremdheit kultivierten. Während die differentialistischen AltbürgerInnen sich selbst beauftragten, durch immer neue kostspielige Projekte mit kulturrelativistischem Konzept einerseits den Anschein aufrecht zu erhalten, sich aufopfernd um die Einbürgerung der Muslime zu bemühen, in Wirklichkeit aber, um ihre Pfründe zu sichern, alles daran setzten, die bestehende Kluft zwischen Alteingesessenen und NeubürgerInnen zu vertiefen.

Seit dem Regierungswechsel 2005 scheint eine längst überfällige Umorientierung der Integrationspolitik stattgefunden zu haben, die sich nach Ansicht von Alice Schwarzer auch auf die Richtlinien der Vergabe staatlicher Fördermittel und Forschungsprojekte auswirkt (EMMA, 2006, März/April). Das Zuwanderungsgesetz (da vor allem Nachzugsalter, Deutschtest, Sprachstandserhebung, Integrations- und Orientierungskurse) sowie Integrationsgipfel, Islamkonferenz, der siebte Bericht der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, die Studien ’Muslime in Deutschland’ und ’Migranten und Medien’ sind wichtige Schritte in Richtung einer gelingenden sozialen, sprachlichen, beruflichen, und individuellen Integration. Teure Multi-Kulti- und Schaufensterveranstaltungen sichern die Pfründe der VeranstalterInnen aber nicht Klarheit und gute Nachbarschaft.

Ümmühan Karagözlü


[11] Adorno, Theodor W. (1995): Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt.

[22] http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Fachbeitrag/a_Familienforschung/s_1209.html, Kapitel: Prozess der Mutterwerdung, 5. Abschnitt, siebte Zeile.

[25]Das ganz normale Chaos der Liebe: Ulrich Beck, Elisabeth Beck-Gernsheim, 1990 z

[27] http://www2.uni-siegen.de , Vorlesung O8.05, Statuspassagen in Kindheit und Jugend

[56]Koran, Sure 4 Vers 15/16; Sure 4, Vers 34;

[61] Ulrich Wickert: Gauner muss man Gauner nennen. 2.Auflage. 2008

[77] Anspielung auf seinen Brief „Gerechtigkeit für die Muslime“ (mit Karakaşoğlu)

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