188. Sayyid Qutb: Soziale Gerechtigkeit im Islam

العدالة

al-ʿadāla

Gerechtigkeit

Erde und Himmel in einem einzigen System. So wacht endlich auf!

Zur Abhandlung »Al-ʿadāla al-iǧtimāʿīya fi l-islām« (1949) des Sayyid Quṭb wird die auszugsweise Übertragung der englischen Fassung »Social Justice in Islam« (1953) ins Deutsche herangezogen. Deutsche Fassung und Kommentare von Jacques Auvergne.

Vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte Sayyid Quṭb (1) sein »Al-ʿadāla al-iǧtimāʿīya fi l-islām (2)« als das arabische Original des späteren englischen »Social Justice in Islam«. Mindestens sieben textlich etwas voneinander abweichende arabische Auflagen des neben »Milestones« vielleicht bekanntesten Werkes des Theoretikers der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft (MB) folgten rasch. John B. Hardie erarbeitete 1953, nur vier Jahre nach dem Erstdruck, eine Übertragung ins Englische, die Hamid Algar (1999 bei Islamic Publications International) nachbearbeitete und die wir für unsere Betrachtung heranziehen (3).

19. In Ägypten und überhaupt in der muslimischen Welt vernachlässigen wir unsere ureigenen Quellen und unser eigenes geistiges Erbe, um stattdessen dem Import fremder Bräuche und Gesetze den Vorzug zu geben. Wir müssen nur ein wenig die Augen aufmachen, um zu erkennen, in welchem miserablen Zustand unsere gegenwärtige soziale Lage ist: Ganz offensichtlich haben unsere gesellschaftlichen Parameter keinen Bezug zur Gerechtigkeit.

Der „Westen“, die kulturelle Moderne, sei wurmstichig, der Islam makellos. Den Islam gelte es nur noch konsequent anzuwenden, um optimale soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Etwas zu großzügig überblickt der Ägypter die Menschheitsgeschichte:

23. Dann aber hat es Gott gefallen, das Christentum die Ozeane überqueren zu lassen, alle Erhabenheit und Reinheit und Weltverneinung mit sich tragend. Dort traf es auf die Römer, die Erben der heidnischen und materialistischen griechischen Kultur, und ebenso auf die Völker der abgelegenen Teile Europas, was den ersten Kontakt zur barbarischen Welt darstellte.

Allahgott hat den Europäern bzw. Christen eine faire Chance gegeben, den Weg zur wahren Religion zu finden. Konvertiten wie Murad Wilfried Hofmann (* 1931 im unterfränkischen Aschaffenburg) oder Pierre Vogel (* 1978 im rheinischen Frechen) dürfen sich, Allahs christlicherseits missverstandenes Erbe in Europa verwaltend, als Lichtbringer in den europäischen Gefilden der Barbarei fühlen. Etliche Konvertiten zum Islam behaupten, nicht etwa antichristlich, sondern konsequent jesuanisch zu empfinden, Jesus (ʿĪsā) sei als „Hanif“ (ḥanīf, ḥunafāʾ vorislamischer Monotheist) gewissermaßen ein Muslim, in jedem Falle ein nabī (Prophet) und rasūl (Gottesgesandter), der auf den kosmisch letzten Verkünder und Gesandten hinweist, auf Muḥammad, den Stifter der einzig sittlich zu nennenden menschlichen Lebenweise, des Islam.

Nur der Koran verstehe den Nazarener korrekt. Muḥammad wurde, anders als ʿĪsā bin Maryam (Jesus von Nazareth), von Allāh ein besonderes Privileg eingeräumt, nämlich „fī s-sabīl Allāh“ zu schreiten, auf dem Wege Gottes, das bedeutet zumeist, den ǧihād zu praktizieren, zu töten. Theologisch korrekt ist, christlich wie islamisch, dass Jesus auch aus religiösen oder gottesdienstlichen Gründen nicht morden durfte.

23. Das Christentum, dieser selbstlose, selbstverleugnende Glaube.

Dem zauberkräftigen, er könne jederzeit geformte Tonerde in einen lebendigen Vogel verwandeln (Koran 3:49 (4)) Ankündiger des Islam sechs Jahrhunderte vor Mohammed war die Askese auferlegt, erst Mohammed war der berufene Genießer.

24. Europa war nie wirklich christlich. Folgerichtig blieb die christliche Religion vom Geschäftsleben und Alltagsbrauchtum abgespalten.

Das Christentum sei wesensgemäß dürftig und blutleer, erst der Islam bringe der Menschheit die herrschaftliche Macht. Mit dem Medinastaat setzt sich die Gottheit für die gesamte Menschheit gleichsam als Regent ein und nimmt gewissermaßen Platz wie auf einem Thron (vgl. āyatu l-kursī, „Thronvers“, das ist Koran 2:255), die Kalifen herrschen stellvertretend für den wahren König des Weltalls: „Allah hat das Königreich inne über die Himmel und die Erde“ (42:49), „To God belongs the Kingdom of the heavens and the earth (5).“ Das Streben nach der Fülle des Lebens berechtigt, nein, verpflichtet jeden Gläubigen zur allahkratischen Seinsweise (ḫilāfa islāmīya, Kalifat), zur möglichst vollkommenen Umsetzung von Scharia und Fiqh, zur Einziehung der Sozialabgabe (zakāh) und bedarfsweise eben auch zur Tötung des Apostaten oder sonstigen Straftäters. Eine kapitalistische oder marxistische Versuchung besteht für den Allahbewussten nicht:

24, 25. In Europa sah die Kirche mit dem Werkzeug der Inquisition ihre Aufgabe darin, jeden Gegner umzubringen oder zu verbrennen. Seit dieser Zeit ist die Kirche ein erbitterter Feind des freien Geistes. Die Kirche beschränkte sich also keineswegs auf den rein spirituellen Bereich, was ihre ureigene, wahrhaftig christliche Sphäre und Aufgabe gewesen wäre. … Schlussendlich formten die heimlich zum Lager der Kapitalisten übergelaufenen Kirchenmänner ihre Ideologie zu einem Opiat, um die Massen der Arbeiter gefügig zu halten.

26. Doch was hat das alles mit uns zu tun? Die Bedingungen der Geschichte und das Wesen und die Natur des Islam haben mit all diesen Dingen [christliche Askese, europäisches Mittelalter, Kapitalismus, Materialismus, Kommunismus] nichts zu tun. … Der Islam wählte den Weg, Erde und Himmel in einem einzigen System zu vereinigen, einem Staatswesen, das sowohl im Herzen des Individuums als auch im gesellschaftlichen Alltag präsent ist, ein Vorhaben, das keine Spaltung zwischen muslimischer Religionspraxis und religiöser islamischer Intention zulässt.

Es gelte, Himmel und Erde zur korantreuen Diktatur zu versöhnen. Paradiesischer Faschismus im Namen der übermäßig strapazierten Religionsfreiheit.

30. Damit ist klar, dass es im Islam keine Unterscheidung zwischen Glaube und Welt geben kann oder, wie es im frühen Christentum der Fall war, zwischen Theologie und sozialer Praxis. Des Weiteren kennt der Islam keine Priesterschaft und keine andere vermittelnde Instanz zwischen dem Geschöpf und dem Schöpfer, vielmehr hat jeder Muslim, noch auf dem entferntesten Winkel des Landes oder auf dem abgelegensten Teil der Ozeane, die Fähigkeit, sich ohne einen Priester oder Fürsprecher aus eigener Kraft der Gottheit zu nähern. Die muslimische Herrschaft erlangt ihre Autorität nicht von einem Klerus oder vom Himmel, sondern schlicht durch die muslimische Gemeinschaft selbst. Ganz ähnlich entstammen die Prinzipien der Verwaltung dem religiösen Recht, das in Geist und Verbindlichkeit universell ist und alle Menschen als Gleiche behandelt.

Der Ideengeber der Muslimbrüder stolpert aus dem Lobgesang auf das Kalifat in die politische Lüge, denn das Islamische Recht beruht natürlich auf der Ungleichbehandlung. Andererseits wird im Islam jeder gleich ungleich behandelt, Nichtmuslim und Muslim, und jeder darf bei der Deklassierung der Frau mitmachen, insofern meint die Scharia wirklich jeden von uns und versöhnt den Steiniger mit dem Gesteinigten in unsteigerbarer Harmonie.

Im Namen der Toleranz und der Koexistenz können Millî Görüş, Zentralrat der Muslime und VIKZ weiter an der Integration der Diskriminierung arbeiten. Multikulturelle und Kirchenfürsten jubeln: „Mehr Differenz!“

30. Keineswegs steht der Islam dem Lernen oder dem Lernstoff ablehnend gegenüber, ganz im Gegenteil betrachtet er das Lernen als göttliche und geheiligte Befähigung und als Teil der religiösen Pflichten: „Die Erlangung von Wissen ist Pflicht für jeden Muslim“, wie der Islam fordert, der betont: „Strebe nach Wissen, und müsstest du dazu bis nach China reisen!“ Unsere Religion verheißt: „Demjenigen, der den Pfad des Forschens beschreitet, wird Allah den Pfad ins Paradies leicht machen.“

Alle Erkenntnis hat dabei innerhalb der Grenzen der Scharia zu verbleiben. Wissenschaft hat die Aufgabe, diese von Allahgott gesetzten Grenzen zu bestätigen. Was gegen den Koran verstößt, ist falsches Wissen und darf nicht verbreitet werden. Kopftuchkritik etwa ist völlig falsches Wissen.

67. Und so beleuchtet der Islam die Frage nach der Freiheit in allen Einzelheiten und von allen Seiten und erreicht eine vollständige Emanzipation des Bewusstseins.

Das stimmt, der gründlich durchislamisierte Verstand hat alle Korrelation und Kausalität überwunden, Tatsachen oder Menschenrechte sind für das Bewusstsein einfach kein Problem mehr.

67. Der Islam befasst sich keineswegs ausschließlich mit spirituellen Werten oder ausschließlich mit ökonomischen Werten, sondern betrachtet beides zugleich. Er anerkennt die ganz praktische Wirklichkeit des Daseins ebenso wie das Vermögen der Seele und er ist bestrebt, in der menschlichen Natur die höchsten Wünsche ebenso zu wecken wie die profansten Fähigkeiten. Ohne eine solche umfassende Freiheit vermag sich der Mensch nicht vor der Gewalt der Erniedrigung und Ausbeutung zu schützen und kann seine ihm zustehende Soziale Gerechtigkeit nicht einfordern. Diese Freiheit ist also ein Eckstein für den Aufbau der islamischen Sozialen Gerechtigkeit.

Mit islamischer „Freiheit“ ist das Recht auf religiös begründete Rechtsverschiedenheit gemeint, musliminterner „Eckstein“ ist die Ungleichbehandlung der Frau, die das „Recht“ auf einen Schleier und einen Ehemann hat.

Ein universitärer Fachbereich „islamische Betriebswirtschaft“ oder „islamische Evolutionslehre“ wäre immerhin denkbar, um die freiheitliche Demokratie etwas rascher zu beenden.

90. Die islamische Gemeinschaft ist ein einziger Leib und sie empfindet alles gemeinschaftlich: Was immer einem Mitglied der umma widerfährt, klingt im Bewusstsein aller Muslime nach. Das ist das schöne, lebhafte Lächeln, das der edle Botschafter an den Tag legte, während er sprach: „Das Verbindende der Muslime ist, dass sie einander in Liebe und Barmherzigkeit zugetan sind und in ihrer Beziehung einem einzigen Körper gleichen: Sobald ein Muslim einem Leiden ausgesetzt ist, leiden alle Muslime wie von Fieber geschüttelt und wie von Schlaflosigkeit geplagt.“

Das Geschöpfähnliche oder Belebte, das Organische, das Gleichnis, einen einzigen Körper zu bilden oder einen Baum oder eine Harmonie mit der Weltnatur, mag einen rühren oder begeistern, doch setzt das Denken womöglich aus und wird übersehen, dass jeder Totalitarismus eines rhetorischen Holismus oder Organizismus bedarf, sich als Naturreligion, humane Angemessenheit (eine die Gesundheit befördernde „Ergonomie“), in jedem Fall: sich als menschenfreundlich darstellen muss.

Auch das Dritte Reich stellte sich als naturgewollt und naturgemäß dar, oft mit rassistischen Konzepten („entartete Kunst“, „artfremd“) versehen, gelegentlich ließ es sich als schicksalsgemäß bis gottgewollt erscheinen, Hitler sagte „Vorsehung“.

Glaubt man der römischen Legende, verglich Agrippa Menenius Lanatus im Jahre 494 v. Chr. die angebliche Natürlichkeit und Angemessenheit des staatstragenden, etwas entrechteten Plebejertums und herrschaftlichen Patriziertums mit Hand, Magen und Kopf: Einer muss verdauen und arbeiten, der andere denken und lenken. Auch Medinarepublik und mittelalterliches Kalifat sind Halbsklavenhalter- (Dhimmis) und Sklavenhaltergesellschaften zur Ehre Allahs. Die Sklaverei ist im nicht reformierbaren Islam theologisch keineswegs aufgehoben und wird beispielsweise im Sudan und in Mauretanien an den dunkelhäutigeren Bevölkerungsgruppen praktiziert. Philippinische Gastarbeiter in den Golfstaaten oder iranische bzw. ägyptische Bahá’´í leben bisweilen faktisch versklavt.

91. Die islamische Bestrafung für Ehebruch ist schwerwiegend, denn er ist ein Angriff auf das Ehrenwerte und ein Verächtlichmachen des Heiligen und eine Ermutigung der gesellschaftlichen Schamlosigkeit und Unmoral.

Interreligiös verglichen legt der Islam eine seltsame Sexualpanik an den Tag, die dem angeblich keuschen Obszönisieren der Kinder und Frauen dient, natürlich nur zum Zwecke der gründlicheren Kontrolle auf sexuelles und politisches Wohlverhalten. Doktrinäre und totalitäre Sexualmagie und Schuldgefühlerweckung erzeugt ein zur Endlosigkeit gestaffeltes System von Double-Bind-Situationen, ein Gestrüpp der Unerfüllbarkeiten, bei dem jeder Verhaltensfehler in die ewige Verdammnis führen kann. Das der Scharia unterworfene Individuum wird einerseits planmäßig desorientiert und muss den Schariawissenschaftler (ʿālim, Pl. ʿulamāʾ) oder Fiqh-konformen Rechtsgutachtenersteller (muftī, türk. müftü) um Auskunft fragen, andererseits hat es selbst im Sinne der islamstaatlichen oder auf den Islamstaat hinarbeitenden ḥisba religionspolizeilich tätig zu werden, soweit das in seinen Kräften liegt.

91. Eine Bestrafung von achtzig Peitschenhieben ist für denjenigen festgelegt, der eine Frau fälschlicherweise des Ehebruchs bezichtigt. … In so einem Fall ist der Straftatbestand der Bezichtigung genau so schwer zu ahnden wie derjenige der Unmoral, denn er stellt einen Angriff auf den Ruf und die Ehre dar, ein Entzünden des Hassgefühls und der Verbitterung und ein Verbreiten der Boshaftigkeit.

Koran 24:4 (If you accuse an honorable women of adultery, be sure to bring four witness. Otherwise you will receive 80 lashes (6)), Quṭb mahnt zur wortgetreuen Umsetzung des göttlichen Befehls.

Die Muslimbruderschaft hat den Islam keineswegs falsch verstanden.

91. Die Bestrafung für Dienstahl ist ähnlich streng, denn er stellt einen Angriff gegen das menschliche Empfinden für Sicherheit und wechselseitiges Vertrauen dar und ist mit einem Abtrennen einer Hand zu belegen, im Wiederholungsfall ist die zweite Hand abzuschneiden, beim dritten Mal ein Fuß, beim vierten Mal der andere Fuß. Es gibt heute einige Menschen, die derlei Strafen für ein Eigentumsdelikt erschreckend finden, aber der Islam betrachtet diese Angelegenheit vom Standpunkt des Schutzes, der Sicherheit und der gesellschaftlichen Stabilität aus.

Sayyid Quṭb wiederholt lediglich, was gute dreizehn Jahrhunderte eher vom Himmel eingeflüstert und von den Menschen aufgeschrieben worden ist, siehe 5:42 in Allahs Notizbuch: „Richtest du aber, so richte in Gerechtigkeit“ (hier eingebettet in die moderne missionarische Abhandlung »Gerechtigkeit im Islam«, Riad 2008 (7)).

113. Eine Abhandlung über soziale Gerechtigkeit im Islam muss notwendigerweise eine Betrachtung der islamischen politischen Theorie beinhalten, … die alle Aspekte des Lebens umfassen muss und alle Arten von Anstrengung, die aber auch sowohl die spirituellen wie die materiellen Werte beziehungsweise Güter einschließen muss, denn diese sind unlöslich miteinander verwoben. Mit all diesem hat die politische Theorie des Islam zu tun, umso mehr, als dass es letzten Endes um die Implementierung des Religiösen Rechts geht, das sich der Gesellschaft in jeder Hinsicht widmet, um soziale Gerechtigkeit und Ausgewogenheit sicherzustellen und um Wohlstand und Wohlergehen zu verbreiten, soweit sich dieses im Einklang mit den Grenzen der vom Islam akzeptierten Prinzipien befindet. …

Kein Faschismus ohne die Rhetorik der Harmonie. Eine islamische Führerschaft und Richterschaft ergibt sich aus den „religiösen Gesetzen“ wie von selbst, totale „spirituelle“ Überwachung und absoluter heilssichernder Gehorsam bauen den Islamstaat. Der Ruf nach dem wahres Glück bringenden Totalitarismus, der fromme Schrei nach praktizierter Erniedrigung der Frauen und Frevler wird wiederholt:

113. Eine der Hürden beim Verstehen und Erlernen des Islam besteht darin, zu erkennen, dass alle Anordnungen und Dimensionen ein Ganzes bilden, keine religiöse Anweisung kann ohne die andere verstanden werden. Denn diese Religion ist in ihrer Essenz Einheitlichkeit, Gottesdienst und Alltagsarbeit, politische und ökonomische Theorie, rechtliches Erfordernis und geistliche Erbauung, Frömmigkeit und Wohlverhalten, diese Welt und die kommende Welt, sie alle sind Teile eines wohlverstandenen Ganzen.

Über die „Essenz“ wird, unter Verschweigung der Nebenwirkungen, in Deutschland mittlerweile viel Geraune hörbar, etwa bei Kalifatsfreund und Ex-Botschafter Murad Wilfried Hofmann als der 2009 in Dubai gekürten Islamic Personality of the Year (8). Hofmann:

„Es gibt ein Leben nach dem Tod. Sinn der menschlichen Existenz ist die Erkenntnis und das Lob Gottes. Wer sich Gott ganz hingibt, ist Muslim – so wie schon Abraham und wie Moses und Jesus. Jeder ist nur für sich selbst verantwortlich. (Es gibt keine Erbsünde.) Das Verhalten des Menschen entscheidet über sein Schicksal im Jenseits. Muhammad hatte als Prophet die Aufgabe, diese Wahrheiten in Erinnerung zu rufen und damit die Verformungen zu korrigieren, die es im Judentum und Christentum (wegen der Vergötterung von Jesus) zwischenzeitlich gegeben hatte. Insofern ist Muhammad der letzte, das »Siegel« der Propheten (33: 40). Das ist die Essenz der Botschaft des Korans. Wer sie recht bedenkt, versteht, daß der Islam nicht nur die jüngste der monotheistischen Weltreligionen ist, sondern zugleich die älteste – nämlich die unverfälschte Religion Abrahams (9).“

Auch der Stellvertreter Allahs auf iranischer Erde und gottesfürchtige Massenmörder Ayatollah Chamene’i (ʿAlī Ḥoseynī Ḫāmeneʾī) hat dieses zur Führung berechtigende Gespür für die „Essenz“ der einzig anständigen menschlichen Lebensweise:

„Vollständige Beachtung der islamischen Essenz und der islamischen Originalwerke als außerordentlich reiche Quellen für die Anhebung des Niveaus der Humanwissenschaften im Inland und auf Weltebene. Beachtung der religiösen Spiritualität bei der wissenschaftlichen Forschungstätigkeit. … Erforderlichkeit der Moralität der Gesellschaft (10).“

Ein drittes Beispiel für islamische „Essenz“ findet sich unter den schiitischen Mystikern der auf den jemenitischen Eremiten Uwais al-Qaranī (türk. Veysel Karani, Todesjahr 657) zurückgehenden, heute weltweit verbreiteten Shahmaghsoudi-Bewegung (Maktab Tarighat Oveyssi (MTO)), die nicht zuletzt in den Vereinigten Staaten einigen Zulauf hat. In nicht ganz einwandfreiem Deutsch wird die treulich beibehaltene repressive Sunna und Scharia vom zerfließenden Individuum als allahzentrische Ekstase wahrgenommen und als die dem Lehrmeister zu erbringende Huldigung kultiviert, „Essenz“ oder innerer Sinn (bāṭin) werde dem Praktizierenden erfahrbar:

„Der Lehrer, genannt „Pir“, was „das Licht des Weges“ bedeutet, leitet den Suchenden durch den Prozess der Selbsterkenntnis. Die Lehren von Hazrat Imam Mohammad Bagher, dem fünften Imam der Schiiten, erhellen klar den Weg der Kenntnis für den wahren Suchenden. Er sagt: Der Lehrer, der spirituelle Führer, ist eine reine Essenz, die von Gott an das Herz des Suchenden durch sein göttliches Licht eingeführt werden muss. Durch Reinigung, wird das Licht der Erkenntnis allmählich bezeugt (11).“

Imam Bagher ist Muḥammad ibn ʿAlī al-Bāqir (681-733), Sohn des prophetischen Urenkels Alī bin Ḥusain Zain al-ʿĀbidīn (schiitischer Vierter Imam), Vater des Ǧaʿfar ibn Muḥammad aṣ-Ṣādiq (Sechster Imam).

Genug der dem Islamkritiker oder muslimischen Unkundigen verborgenen Essenz.

Sayyid Quṭb ruft zur Revolte:

261. Unsere Mission ist es, nach einer Erneuerung des Islamischen Lebens zu rufen, nach einem Leben, das vom Geist regiert wird und vom Islamischen Gesetz, das allein die Form von Islam erzeugen kann, die wir heute benötigen, und das mit der authentischen Islamischen Tradition konform ist.

Schariarepublik Ägypten, Schariarepublik Deutschland.

261. Es kann für uns nicht genug sein, dass es den Islam als lebendige Kraft irgendwann einmal in der Vergangenheit gegeben hat, es reicht nicht aus, das er einmal weithin erschallte und eine wohldurchdachte Gesellschaftsform zur Lebzeit des Propheten und im Zeitalter des Kalifats möglich machte. Wir müssen erforschen, was die Ursache für das Abbremsen der Ausbreitung des Islamischen Geistes gewesen ist und warum die Entwicklung der politischen und ökonomischen Theorie des Islam so kurz nach dem Zeitalter Mohammeds zu einem Ende kam.

262. Die heutige so genannte Islamische Gesellschaft ist im eigentlichen Sinne des Wortes nicht islamisch. … Wir urteilen nicht nach dem, was Allah uns offenbart hat, die Grundlage unseres Wirtschaftens ist das platte Nutzendenken. … Wir dulden die Extravaganz und den Luxus, die vom Islam verboten sind. … So lange, wie die Muslimische Gesellschaft dem Islam treu Folge leistete, konnte keinerlei Schwächlichkeit aufkommen und konnte sie den Alltag der Gesamtgesellschaft kontrollieren.

263. Die Ausbreitung des Islamischen Geistes ist niemals ganz gestoppt worden, auch wenn sich das tolerante Kalifat in eine tyrannische Monarchie verwandelt hat. … Vielmehr konnte die Scharia bis in das 19. Jahrhundert als Grundlage des bürgerlichen Rechts in Kraft bleiben, bis wir die französischen Gesetze einführten.

Die heutigen Muslime können sich also beauftragt sehen, die Scharia im Personenstands- und Familienrecht zu verwirklichen, damit Zweitfrau und Kindbraut auch in Europa, Tunesien oder in der Türkei legal möglich werden. Besonders „französisch“ ist die standesamtliche Trauung, die von einem jeden praktizierenden Gläubigen im Sinne der Muslimbruderschaft offensichtlich durch die Imam-Ehe zu ersetzen ist.

270. Wir müssen über den Hass gegen den Islam reden, der aus dem Geist der Kreuzzügler stammt und der in Europa nach wie vor und kaum wahrgenommen wirksam ist.

Jetzt müssen kalifatstreue Islamisten, nichtmuslimische Antiimperialisten und Kirchenfunktionäre die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte nur noch so lange und so laut als „europäisch“ oder „westlich“ etikettieren, bis erst die Sozialpädagogen und dann die Politiker glauben, dass die Forderung nach afrikanischer und asiatischer Gleichberechtigung von Mann und Frau als Versuch der erneuten Kolonialisierung zu deuten ist. Unter der Führung von Tariq Ramadan, Mustafa Cerić und Mathias Rohe mag es gelingen, auch in der Europäischen Union ein auf der Scharia beruhendes muslimisches Recht zu integrieren, damit sich die Korantreuen nicht so entfremdet und gedemütigt fühlen. Zwei letzte Zitate:

318. Wir stehen wahrhaftig an einer Weggabelung: Werden wir der Karawane des Westens folgen, die sich als Demokratie bezeichnet, oder werden wir uns der östlichen Karawane anschließen, die im Westen als Kommunismus bekannt ist? Oder werden wir zum Islam zurückkehren und ihm die vollumfängliche Gültigkeit in Alltag, Geistesleben, Forschung, Gesellschaft und Wirtschaft einräumen?

319. Die Bedingungen für unser Anliegen sind günstig, denn zwei große Islamische Gebilde sind geboren worden: Indonesien und Pakistan, und die Arabische Welt erwacht sowohl im Osten wie im Westen. Letztlich wird Allah alle menschlichen Angelegenheiten bestimmen und unsere Pflicht bleibt, Ihm zu vertrauen und den Glauben zu bewahren.

Die Religionsdiktatur zu errichten ist Pflicht für alle charakterlich Aufgeweckten und geistlich Aufgewachten, der muslimische Demokrat ist eine Schlafmütze.

Jacques Auvergne

(1) Sayyid Quṭb, Fotografie. Das Blog »Ketethaya« schreibt wie selbstverständlich Märtyrer (šahīd) Sayyid Quṭb

http://ketethaya.blogspot.com/2010/02/blog-post_19.html

Zu Shahid (šahīd, Pl. šuhadāʾ) erläutert das englische Wikipedia: “Schahid ist ein religiöser islamischer Begriff, der zwar im Ursprung Zeuge bedeutet, doch in der Praxis den Märtyrer meint. It is a religious term in Islam, literally meaning ‘witness’, but practically means a ‘martyr’.”

http://en.wikipedia.org/wiki/Shahid

Sayyid Quṭb, in einer Zeichnung. Auf der Seite »Wuǧūh« (“Portraits”).

http://www.wojouh.com/index.php?action=gallery.details&id=210

(2) Tödliche Eleganz, kalligraphischer Faschismus: Bucheinband: »»Al-ʿadāla al-iǧtimāʿīya fi l-islām«, Sayyid Quṭb

http://www.nessma.com/books/sqotb010/page0001.gif

Gefunden bei den Terrorismusverherrlichern von »Palestine`s Dialogue Forum« (paldf.net)

http://www.nessma.com/books/sqotb010/page0001.gif

(3) »Social Justice in Islam«, Sayyid Qutb (Autor), John B. Hardie (Übersetzer), Hamid Algar (Übersetzer), Taschenbuch: 352 Seiten, Verlag: Islamic Publications International; Auflage: Revised (August 1999), Sprache: Englisch

http://www.amazon.de/Social-Justice-Islam-Sayyid-Qutb/dp/1889999121

(4) Im Koran sagt Jesus über sich selbst, das Tonvogelwunder vollbringen zu können. I fashion for you out of clay the likeness of a bird, and I breathe into it and it is a bird by Allah’s leave.

http://www.islamonline.net/servlet/Satellite?pagename=IslamOnline-English-Ask_Scholar/FatwaE/FatwaE&cid=1119503549308

(5) Mit dem Koran (42:49) von der nordamerikanischen oder europäischen Parallelgesellschaft zur göttlichen Monarchie? To God belongs the Kingdom of the heavens and the earth (Arthur John Arberry). The kingdom of the heavens and earth belongs to Allah (Aisha Bewley).

http://www.islamawakened.com/Quran/42/49/default.htm

(6) Quṭb zitiert den Koran und hält bei falscher Bezichtigung des Ehebruchs achtzig Peitschenhiebe für sozial gerecht. Punkt 25 bei: »Skeptic’s Annotated Quran« in der tabellarischen Übersicht »Women in the Quran«.

http://skepticsannotatedbible.com/quran/women/long.html

(7) Koran 5:42, Richtest du aber, so richte zwischen ihnen in Gerechtigkeit. Aus dem Text: »Gerechtigkeit im Islam« der vom saudi-arabischen Riad (ar-Riyāḍ, „die Gärten“) aus durch die „Cooperative Office for Dawah in Rawdah“ betriebenen Seite »The Religion of Islam« – „Beschreibung: Gerechtigkeit als Grundziel des Islam und ein sittlicher Wert, sowie der Standard der Gerechtigkeit aus der Sicht des Quran.“

http://www.islamreligion.com/de/articles/376/

(8) Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) steht der Muslim Brotherhood nahe und berichtet am 09.09.2009 über sein Ehrenmitglied und Beiratsmitglied: »Beim diesjährigen „Dubai International Holy Quran Award“ wurde der deutsche Muslim, Dr. Wilfried Murad Hofmann zur „Islamic Personality of the year“ erklärt. Die Ehrung ist verbunden mit einem Ehrenpreis in Höhe von umgerechnet 180.000 Euro. An diesem Donnerstag wird Hoffmann die Urkunde aus den Händen Seiner Hoheit, Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum als Vizepräsident und Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate und Herrscher von Dubai, entgegen nehmen.«

http://www.zentralrat.de/13853.php

(9) Da ist sie wieder, die geheimnisvolle islamische “Essenz”, angesichts derer Burka und Steinigung nicht so wichtig sind. Murad Wilfried Hofmann.

http://www.randomhouse.de/content/edition/excerpts/36844.pdf

(10) Es ist Herbst geworden, die oft studentischen Protestierer des Sommers sind eingeschüchtert oder eingesperrt oder ermordet und die göttliche Diktatur lädt die Nachwuchsforscher aus Atombombenbau, Propaganda und Unterhaltung am 28.10.2009 nach Teheran und gibt bekannt: „Am heutigen Morgen fanden sich mehrere Hundert Elitekräfte aus Wissenschaft, Kultur und Literatur zu einem Treffen in freundschaftlicher Atmosphäre mit Ayatollah Chamenei, dem Oberhaupt der Islamischen Revolution ein und legten ihm ihre Standpunkte und Vorschläge bezüglich verschiedener Fragen vor.“

Aus: »Internetseite des Büros des geehrten Führenden Seyyed Ali Khamenei, Jahr der Innovation und Entfaltung«

http://www.leader.ir/langs/de/index.php?p=contentShow&id=6072

Führer, englisch leader. Man beachte die aus sechs Buchstaben bestehende URL, es kann nur Einen (Führer) geben. The Office of the Supreme Leader Sayyid Ali Khamenei

http://www.leader.ir/

(11) »Maktab Tarighat Oveyssi Shahmaghsoudi, School of Islamic Sufism« – „Shahmaghsoudi, bezieht sich auf den 41. Meister der Oveyssi Schule, Hazrat Shah Maghsoud Sadegh Angha“

Das sozialpädagogische Heil rinnt aus dem Medinastaat heran und bedarf des initiierten Führers. Die silsila ist die ununterbrochene Kette der baraka, Segnungskraft, und des von Meister zu Meister übereigneten Führertums aller einzelnen Orden (ṭarīqa, Pl. ṭuruq) des Sufismus (taṣauwuf, ṣūfīya).

http://www.mto.org/website/tr/history.html

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