216. Götter, Priester, Parlamente

أبارتيد

Apartheid

Archaisches Tabu, erkämpfte Universalität und segregierende Gegenmoderne

Die Rückkehr der Religionsführer in die Politik bedarf der Ausdünnung der Universalität von Menschenrechten und Wissenschaftlichkeit. Aphorismen von Jacques Auvergne.

Vor der Kulisse von Enttraditionalisierung bzw. Globalisierung und islamischer Re-Fundamentalisierung gibt es auch im außerislamischen Bereich zwei große Bewegungen: Hin zu mehr Segregation (‘Apartheid’) der Stadtteile oder Straßenzüge und hin zu weniger Trennung der Religionen, Hautfarben oder Geschlechter.

Menschliche Zukunft (qadar, kismet) fällt nicht vom Himmel, sondern liegt in unserer Verantwortung. In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Pauschal anti-religiös zu argumentieren bringt nicht viel weiter, denn dass verordneter Atheismus wieder zu schecklichem Mord führen kann, zeigen Stalin und Mao.

Kulturelle Moderne und ‘offene Gesellschaft’ entsprechen wohl sehr dem Miteinander, durchaus im Sinne des amerikanischen Modells vom melting pot. ‘Islamische Renaissance’ (Schariatisierung) oder alle möglichen Nationalismen (auch antiislamische) werden demgegenüber die Tendenz befördern, „sich voneinander abzugrenzen“.

Das Bild von der jedem Individuum zustehenden, unteilbaren Menschenwürde, der Menschenwürde im Sinne der AEMR, scheint angesichts des (patriarchalischen) Beharrens von Stamm und Clan, von hinduistischem Kastensystem oder Islamischem Recht zu verbleichen, die Rückkehr der Götter in die Parlamente und Universitäten könnte die Gleichberechtigung der Frau als kurzlebige Absonderlichkeit ins Geschichtsbuch verbannen (das Kalifat braucht keine Erinnerung, vgl. den Genozid an den Armeniern; ein Buch reicht ja zur Welterklärung, der Koran).

Religiöse Hardliner aller Religionen rufen dazu auf, die Verhaltensweisen der ‘Ungläubigen’ zu meiden.

Bei Personaleinstellung, Wohnungsvergabe oder Sitzplatzvergabe in öffentlichen Verkehrsmitteln sollte es überall auf der Welt recht bald keine Rolle spielen, welche Religion oder Hautfarbe oder welches Geschlecht oder welchen Familienstand jemand hat.

Dieses Bewusstsein vom Menschen als gleichberechtigtem Staatsbürger (cotoyen, citoyenne) ist mit dem orthodoxen Islam schlicht nicht zu machen, da allein die gelebte Ungleichbehandlung (der Frauen, der Nichtmuslime) vor der Hölle bewahre.

Überall auf der Welt sollten Menschen nicht sagen: „Vermietet nicht an Serben, Kroaten, Schwarze, Chinesen oder Atheisten“, sondern sich bemühen, den Menschen auf seine Bereitschaft hin zu bewerten, die (hoffentlich) für alle gleich geltenden Gesetze einzuhalten.

In den USA oder in Europa etwa konvertieren Menschen zum Islam, aber nur die Radikalsten wollen bewusst aus dem Gesetz aussteigen und nach der Scharia (Zweitfrau, Burka) leben, die ‘säkulare’ Mehrheit sollte ihnen rechtzeitig klar machen, dass auch mit einer religiösen Begründung die Frau nicht halb so viel erbt oder einfach so verstoßen werden kann (Kinder gehören im Islam dem Vater bzw. dessen Sippe).

Die islamische Geschlechtertrennung rettet das Seelenheil und ist totalitäres Gesetz (Scharia). Hinhören sollte man aber immer, wenn jemand die Trennung der Frauen und Männer im öffentlichen Raum durchsetzen will.

Israel 2011. Die landesweit 32 gender-segregierten, super-koscheren Buslinien des israelischen Unternehmens Egged, acht davon fahren innerhalb Jerusalems, werden den gehobenen Ansprüchen der Haredi auf Moral und Schamgefühl gerecht. Die Männer sitzen vorne, die Frauen hinten. Gender segregated buses meet Haredi standards of modesty. Autobus mehadrin: Men sit at the front and women at the back. In der Vergangenheit hatten ultraorthodoxe Männer mehrmals Frauen gewalttätig angegriffen, die es wagten, im Männerteil Platz zu nehmen. Frauen ohne sittsame Rocklänge und hochgeschlossene Bluse dürfen erst gar nicht einsteigen, Naomi Ragen, eine amerikanisch-israelische Autorin und Frauenrechtlerin, wurde beleidigt und bedroht. Seit 2006 kämpft die gläubige Jüdin für ein Ende der Geschlechtertrennung in den Bussen. Elyakim Rubinstein, 1997 bis 2003 Generalstaatsanwalt und seit Mai 2004 Richter am Obersten Gerichtshof Israels, fragt: „Have the days of Rosa Parks, the African American woman who collapsed the racist segregation on an Alabama bus in 1955 returned? Sind die Zeiten von Rosa Parks zurückgekehrt, die die Rassensegregation 1955 in einem Bus in Alabama zum Einsturz brachte?“

Es ist der Rede wert, ob so genannte muslimische Frauen an den Olympiateams der Golfstaaten wie zufällig nicht teilnehmen oder ob in Europas Schwimmbädern die Unterwasserburka (Burkini) durchgesetzt werden soll, sittsame Badekleidung. Die Verweigerin des Burkini, die weibliche Nacktere ist aus der Perspektive von Hidschab und Scharia eine unkeusche Schlampe.

Wir alle kennen den Streit um Lehrerinnenkopftücher, doch viele Menschen waren erstaunt zu hören, dass in Israel ein kleiner religiöser Kreis eine jüdische Burka (jewish burka or frumka; Rabbanit Bruria Keren) bewirbt. Diese den Frauenleib dämonisierende Frumka ist, wie Tschador und Niqab, kein Problem von Webtechnik oder Nähmaschine, sondern eines des (religiös begründeten) Frauenbildes, man kann diese Textilien beispielsweise nicht einfach ablegen. Bleibt zu hoffen, dass unter Jüdinnen die Frumka möglichst wenig attraktiv wird.

Maryam Namazie betont, dass ein säkulares Personenstands- und Familienrecht gegenüber den religiösen (muslimischen, christlichen, jüdischen) Gesetzen immer Vorrang haben muss. Das Individuum – vor allem das weibliche – darf nicht durch Religionsgesetze daran gehindert werden, von seinen bürgerlichen Rechten Gebrauch zu machen. Maryam Namazie responds: The One Law for All Campaign is opposed to all religious councils and tribunals including the Beth Din.

Allahs Scheidungsrecht … bewahrt vor der Hölle und diskriminiert die Frau. Islamic Sharia Council, 34 Francis Road, Leyton, London.

Der mit Bekleidungsgeboten, Meidungsverhalten, geheiligter Gender-Apartheid und ethnoreligiös segregierten Straßenzügen hantierende, hoch politische Rückgriff auf Gottesgesetz und kulturelle Verschiedenheit (Diversität; Identität) bedroht die Standards der Universalität von Menschenwürde und Menschenrecht (AEMR 1948, GG 1949).

Wenn also die öffentliche Hand wissenschaftlich fundierte Sektenberatung und Aussteigerprojekte aus politischem Extremismus finanziert, sollte auch ein entsprechend offensives Angebot für Salafisten (Die wahre Religion DWR; Einladung zum Paradies EZP, Qutbisten), für Wahhabiten oder Ahmadis bereitgestellt werden.

Die BRD sollte wieder die einer jeden religiösen Ehe verpflichtend vorausgehende standesamtliche Trauung einführen, um den Gruppendruck der parallelgesellschaftlichen religiösen Normen, vor allem natürlich der Scharia (Imam-Ehe), abzumildern.

Jacques Auvergne

Quellen zum Thema. Israels jüdische Ultraorthodoxe und die religiös begründete Geschlechtertrennung in Linienbussen.

Mit Gewalt wollen ultraorthodoxe Fanatiker in Jerusalem zusätzliche Buslinien erzwingen – damit Frauen von Männern getrennt sitzen. Aus: Sabine Brandes: Nur auf den hinteren Plätzen. Jüdische Allgemeine Zeitung, 05.03.2009

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/527/highlight/Naomi&Ragen

„Besonders unerbittlich sind die Haredim, wenn es um die Züchtigkeit der Frauen geht. Hochgeschlossene Blusen, lange Röcke, blickdichte Strümpfe und verdeckte Haare bei Verheirateten sind die Grundausstattung einer jeden ultraorthodoxen Frau.“

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/2070

Strikt getrennt. Von Sabine Brandes, 28.03.2008. „Frauen schleichen heimlich still und leise durch die Hintertür, Männer gehen durch den Vordereingang. Frauen sitzen ganz weit hinten, halten sich bedeckt und ruhig, um nicht aufzufallen, Männer machen es sich vorne gemütlich. Jene, die sich nicht daran halten, werden gezwungen – notfalls mit Gewalt. Wer bei dieser Beschreibung an dunkles Mittelalter oder Regime denkt, in denen Frauenrechte mit Füßen getreten werden, liegt falsch. Strikte Geschlechtertrennung geschieht heutzutage mitten in Israel in öffentlichen Verkehrsmitteln. Die sogenannten „Mehadrin-Linien“ des landesgrößten Transportunternehmens Egged verdammen das weibliche Geschlecht auf die hintersten Plätze, Passagierinnen in Hosen werden oft gar nicht erst mitgenommen. … Männer und Frauen sitzen ohne jeglichen Körper- und Augenkontakt so weit es geht voneinander entfernt.“

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/3264/highlight/Naomi&Ragen

“A woman who reported a vicious attack by an ad-hoc „modesty patrol“ on a Jerusalem bus last month is now lining up support for her case and may be included in a petition to the High Court of Justice over the legality of sex-segregated buses. Miriam Shear says she was traveling to pray at the Western Wall in Jerusalem’s Old City early on November 24 when a group of ultra-Orthodox (Haredi) men attacked her for refusing to move to the back of the Egged No. 2 bus. She is now in touch with several legal advocacy and women’s organizations, and at the same time, waiting for the police to apprehend her attackers.”, aus: Daphna Berman: Woman beaten on J’lem bus for refusing to move to rear seats, in: Haaretz, 15.12.2006

http://www.haaretz.com/woman-beaten-on-j-lem-bus-for-refusing-to-move-to-rear-seat-1.207251

Yair Ettinger: High Court: Gender segregation legal on Israeli buses – but only with passenger consent. Haaretz, 06.01.2011

http://www.haaretz.com/news/national/high-court-gender-segregation-legal-on-israeli-buses-but-only-with-passenger-consent-1.335567

Naomi Ragen: I Am Not Sitting at the Back of the Bus. Zuerst in: Jewish Chronicle, 23.02.2007

http://www.naomiragen.com/Columns/I%20Am%20Not%20Sitting%20at%20the%20Back%20of%20the%20Bus.htm

2 Antworten to “216. Götter, Priester, Parlamente”

  1. Exekias Says:

    Monika Maron weiß:

    „Die Frage heißt eben nicht: Gehört der Islam zu Deutschland? Sondern: Wollen wir, dass der Islam die Stellung der Religionen in Deutschland verändert? (…)

    So ist es aber nicht. Stattdessen lässt sich die deutsche Gesellschaft, die längst nicht nur aus angestammten Deutschen christlichen Glaubens besteht, Vereinbarungen und sogar Gesetze abhandeln, weil einer zugezogenen Religion die allgemeine Religionsfreiheit nicht genügt und sie darum den Alltag aller Bewohner dieses Landes zu verändern sucht. (…)

    Vor allem aber hat der Islam den in diesem Land üblichen Umgang mit der Religion außer Kraft gesetzt. Wir alle, Christen, Juden, Orthodoxe, Atheisten, sind gezwungen, fast täglich über den Islam zu sprechen und nachzudenken, wir sollen den Koran lesen und die Hadithen, damit wir den Islam verstehen lernen. Aber ist es nicht unser Recht, vom Islam nichts zu verstehen und nur zu erwarten, dass wir von ihm nicht mehr behelligt werden als von allen anderen Religionen?“

    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,751138,00.html

  2. Secular Uganda Says:

    Nsereko Mutumba, Public Relations officer Uganda Muslim Supreme Council:

    Sharia law inevitable in Uganda’s legal system

    IN July 2008, the Uganda Law Reform Commission presented the much-anticipated revised version of the Domestic Relations Bill (DRB) to Members of Parliament and civil society organisations.

    As the nation awaited the outcome, the Uganda Joint Christian Council (UJCC) held further consultations on the Bill and made several observations.

    One of the observations by the UJCC is that Sharia law is undesirable in Uganda’s legal system.

    In their report, UJCC states that it, “finds offensive the silent introduction of Islamic Sharia in Uganda’s laws and more so the complicity or silence of Christian legislators. The Constitution has already made provisions for Sharia law in Article 129 to include Islamic Courts.

    This is troublesome. If you again provide for Muslims in our laws the way it is proposed, we are going to open the country to have two legal systems — one Islamic and another common as we have known it.

    It is troublesome in the sense that the country has become Islamic whereas it is neither the intention of the majority of the framers of the Constitution nor the Ugandan people. You also open a can of worms in matters of appeal and allegiance. This is a recipe for disaster and religious wars in the future.”

    So lange haben Muslime und Christen friedlich in Uganda zusammengelebt, ihre Religionen sind verfassungsrechtlich anerkannt. For so long, Muslims and Christians have co-existed peacefully in Uganda and their religions are religions recognised by the Constitution. …

    Ein Gesetz, das unsere spirituelle Existenz sowie unsere sozialen und heiratsrechtlichen Praktiken, wie sie uns der heilige Koran lehrt, bedrohen würde, könnten wir nicht akzeptieren. We could not accept a law that threatened our spiritual existence and our social and marital practices taught to us by the Holy Quran. The Muslim community asked for further consultations with the Uganda law Reform Commission and these culminated into the revised Bills.

    Ugandan Muslims have practiced Sharia law for long.

    There is a Director of Sharia law and functioning Qadhi’s courts at the Uganda Muslim Supreme Council.

    These courts are provided for in the Constitution although their operations need to be boosted. Sharia law is recognised in Britain, the seat of the Anglican Communion, and Muslims usually seek rulings on family or property issues from Sharia Councils, which work in alongside statutory and common law. …

    Ugandan Muslims have advocated Sharia law to deal with these importance issues because secular laws cannot address them to the satisfaction of our conscience. Therefore, Sharia law is inevitable in any community where Muslims are a part.

    Niemand muss über Ugandas Schariagesetz besorgt sein, denn es wird die anderen Gesetze lediglich ergänzen, komplementär ausgleichen. There is no need of creating fear among Ugandans about Sharia law because it will only complement other laws. Qadhi’s courts will improve our legal system by making service delivery faster. Moreover, they do not have jurisdiction over non-Muslims.

    The Archbishop of Canterbury, Dr Rowan Williams, opened a constructive debate in Britain when he said it was time to consider “crafting a just and constructive relationship between Islamic law and the statutory law of the United Kingdom.” Dr Williams hinted that this could mean allowing Britain’s 1.8 million Muslims in the UK to seek legal recourse in Islamic courts in certain limited cases such as marriage and divorce, as an alternative to the civil court system. Today, Sharia law is dispensed daily in all mosques in the UK.

    Muhammad Siddique, a paralegal who advises the Sharia Council in Dewsbury, in northern England, recently told the Los Angeles Times that English judges are willing to accept agreements that are reached in Sharia courts as long as it has been put into proper form. …

    „Vor der Durchführung der Khula konnte ich mich nicht als geschieden fühlen. Ich kam nicht vorwärts im Leben. Ich brauchte Vollständigkeit. Ich fühlte mich immer noch verheiratet. Before this Khula happened, I didn’t consider myself divorced, spiritually. I couldn’t move on with my life. I needed completion. I still felt married.“ Ugandas Muslime sehen die Frage der Scharia nicht anders. Muslims in Uganda feel the same about Sharia law.

    The assertion by UJCC that Sharia law is a recipe for religious wars is outrageous because there are no religious wars in West Africa where Sharia law is more pronounced mainly because of larger Muslim populations.

    It is not true that Uganda has become an Islamic state. The Constitution provides for freedom of worship and states that there shall be no state religion. This is why Uganda is a member of the Organisation of the Islamic Conference, of which President Museveni is chairman, while at the same Christianity is also recognised as one of the religions Ugandans profess. Uganda belongs to all of us and that is by the Almighty God’s will.

    http://groups.yahoo.com/group/it_muslimsmuk/message/984

    http://www.newvision.co.ug/D/8/459/654208

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