300. Offener Brief von Mina Ahadi an Tom Koenigs

An den Vorsitzenden des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestags

„Wenn Sie um 4 Minuten nach 6 Uhr in Teheran gewesen wären …“

Sehr geehrter Herr Koenigs,

Ihren Artikel in der Frankfurter Rundschau vom Samstag, dem 8. September habe ich gelesen. Sie haben über Ban Ki-moons Reise nach Teheran geschrieben und die Überschrift zu Ihrem Artikel in Zeitung lautete: Teheran ist eine Reise wert.

http://www.fr-online.de/meinung/gastbeitrag-teheran-ist-eine-reise-wert,1472602,17199350.html

http://www.berliner-zeitung.de/meinung/gastbeitrag-teheran-ist-eine-reise-wert,10808020,17199350.html

Sicherlich haben Sie uns damit sagen wollen: man muss die Machthaber im Iran treffen und mit diesen Leuten reden und Kontakt haben. In Ihrem Artikel betonten Sie, dass Konflikte nicht durch Konfrontation, sondern nur durch Zusammenarbeit gelöst werden könnten und dass die Uno dafür der angemessene Ort sei.

Ich verzichte darauf, auf die tatsächliche Rolle der heutigen UNO einzugehen und richte meine Frage stattdessen an Sie: Glauben Sie wirklich, dass alle Konflikte mit Zusammenarbeit zu lösen sind? Wenn ja, dann müssten Sie auch sagen, dass dieses Prinzip auch in Bezug auf den Hitlerfaschismus richtig gewesen wäre. Schließlich ist in Deutschland in Medien und Gesellschaft immer die Rede von der Hitlerzeit und dem faschistischen Regime. Glauben Sie wirklich, es wäre damals besser gewesen, mit Hitler zu reden und mit den Nationalsozialisten zu kooperieren?

Am 8. September schrieben Sie, ein Besuch in Teheran ist eine Reise wert. Dazu muss ich Ihnen leider sagen: wenn Sie am Dienstag, dem 11. September um vier Minuten nach sechs Uhr morgens in Teheran gewesen wären und die Wirklichkeit dort gesehen hätten, dann würden Sie auch – so wie wir – sagen: dieses Regime ist barbarisch und jede Form der Zusammenarbeit mit diesen Mördern muss beendet werden. Zivilisierte Staaten haben die Todesstrafe abgeschafft, selbst ein Schwerverbrecher hat in Deutschland ein Recht auf Leben und auf einen fairen Prozess. Hier sehen Sie einen 32 Jahre alten Mann namens Sadegh Moradi, er wurde nach den derzeitig gültigen, barbarischen Gesetzen legal aufgehängt, und die Frage ist: was kann man gegen dieses Regime tun und wie?

http://www.nl-aid.org/domain/human-rights/one-man-hanged-in-public-in-tehran-today-his-last-words-before-death-im-innocent/

http://soliranparis.wordpress.com/2012/09/14/dernieres-nouvelles-sur-la-vague-dexecutions-sommaire-qui-touche-actuellement-liran/

Erlauben Sie mir, als eine Menschenrechtlerin, die seit 33 Jahren gegen Hinrichtungen und auch Steinigungen im Iran kämpft, Ihnen heute zu sagen: Diese Regierung ist eine faschistische Regierung und man darf nicht mit Faschisten zusammenarbeiten.

Jede Form von Kooperation und Dialog bedeutet in Wahrheit noch mehr Leid, noch mehr Mord und Hinrichtung und noch mehr Steinigung. Die deutsche Regierung und alle europäischen Regierungen sollten sagen: solange die Islamische Regierung Frauen steinigt und Menschen hinrichtet, darf sie nicht als Vertretung von Millionen von Menschen vor internationalen Organisationen auftreten. Alle diplomatischen Beziehungen mit dieser Regierung, die Scharia und Mord und Hinrichtung verteidigt, müssen unverzüglich abgebrochen werden. Das ist der Wunsch von Millionen Menschen im Iran und auch in iranischen Oppositionsgruppen. Weltweit müssen alle Botschaften dieses Regimes geschlossen werden – denn erst mit diesem Akt werden die freiheitsliebenden Menschen im Iran ein Signal bekommen, dass ihr Kampf gegen das Regime legitim ist und anerkannt wird.

Sehr geehrter Herr Koenigs,

wenn beispielsweise in Deutschland oder irgendwo anders am Dienstag, dem 11. September ein Bürger einen Mitbürger öffentlich aufgehängt hätte, dann käme niemand auf die Idee, mit dem Mörder in einen kritischen Dialog zu treten, sondern der Täter käme auf der Stelle ins Gefängnis. Jetzt stellt sich mir diese Frage: dort, wo eine Regierung mehrere Menschen umbringt und gegen tausende die Todesstrafe verhängt, wieso wird mit dieser Regierung immer noch gesprochen und der Dialog geführt? Diese Politik hilft tatsächlich nur den Diktatoren und sichert dem Islamischen faschistischen Regime das Weiterleben. Ich denke, nach so vielen Jahren und sehr vielen Erfahrungen wissen Sie und alle anderen sehr genau: der Dialog hat uns gar nicht geholfen.

Heute verlange ich von Ihnen und auch von der deutschen Regierung sowie der kanadischen Regierung, die Iranische Botschaft zu schließen und jede Zusammenarbeit mit dieser Regierung davon abhängig zu machen, dass die Regierung Steinigungen abschafft und keine Menschen mehr umbringt und aufhört, Brutalität gegen Menschen auszuüben. Glauben Sie nicht auch, dass das der bessere Weg ist?

Mina Ahadi

Telefon: 0049 (0) 1775692413

E-Mail: minnaahadi@gmail.com

Internationales Komitee gegen Todesstrafe

International Committee against Execution – ICAE

http://notonemoreexecution.org

Internationales Komitee gegen Steinigung

International Committee against Stoning – ICAS

http://stopstonningnow.com/wpress/

Eine Antwort to “300. Offener Brief von Mina Ahadi an Tom Koenigs”

  1. Edward von Roy Says:

    Ein ganz wichtiger Brief von Frau Ahadi an den Bundestagsabgeordneten (seit September 2009) der Partei der GRÜNEN, der gerade zur rechten Zeit erscheint. Danke für die klaren Worte!

    Tom Koenigs erreichte sein altsprachliches Abitur auf dem elitären Schwarzwälder Internat Birklehof – Schulgeld für die Internen etwa 2.600 € monatlich. Der Birklehof wurde 1932 vom deutschen Reformpädagogen Kurt Hahn als Schwesterschule von Schloss Salem gegründet und nach 1945 vom späteren Heidelberger Religionsphilosophen Georg Picht wiedereröffnet.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Birklehof

    Als Student dachte oder besser fühlte Koenigs antiimperialistisch und revolutionär und machte bei Wohngemeinschaften, Hausbesetzungen und Straßenkämpfen begeistert mit. 1973 schenkte er sein Erbe („irgendwas zwischen 500.000 und fünf Millionen Mark“) der Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams – besser bekannt als Vietcong – sowie chilenischen Widerstandskämpfern.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Tom_Koenigs

    2005 wurde Tom Koenigs Beauftragter für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe der Bundesregierung. Zwischen 2006 und 2007 war er Sonderbeauftragter der UN in Afghanistan, während im Land am Hindukusch die religiösen Schariagesetze offiziell legalisiert wurden. Seit 2008 ist Koenigs Vorstandsmitglied von UNICEF Deutschland (Suchbegriff Scharia null Treffer), hier im Bild zu sehen, ganz rechts:

    http://www.unicef.de/ueber-uns/unicef-deutschland/kurzportraits-der-vorstandsmitglieder/

    UNESCO englischsprachig hat vom frauenfeindlichen und kinderfeindlichen Islamischen Recht schon mal gehört, immerhin; zum zwanzigjährigen Bestehen der Kinderrechtskonvention schreibt Anees Jillani zum extrem niedrigen Heiratsalter nach Koran und Sunna:

    Despite this consensus, throughout the world many are reluctant to accept that 18 is the age of adulthood. Muslims may cite sharia provisions that link adulthood with reaching puberty, and they maintain that fixing an ‘arbitrary’ age of 18 years is thus contrary to sharia.

    http://www.unicef.org/rightsite/364_603.htm

    Erst im Januar dieses Jahres (3. bis 7. Januar 2012) reiste der Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe sowie Ordentliches Mitglied im Verteidigungsausschuss in die mordende Mullah-Diktatur Iran und gab sich anschließend ein bisschen traurig darüber, dass er zwei Gefangene nicht sprechen konnte.

    https://fluechtlingshilfeiranev2010.wordpress.com/2012/01/13/iran-verweigert-tom-koenigs-den-besuch-der-inhaftierten-abdolfattah-soltani-und-youcef-nadarkhani/

    Der Gottesstaat reagierte sofort und kalt und machte klar, um was es ihm beim „Menschenrechtsdialog“ geht:

    Da die Islamische Republik Iran stets bereit ist, mit westlichen Ländern einen wissenschaftlichen, konstruktiven Dialog über Menschenrechte zu führen, um die Ansichten der anderen Seite kennen zu lernen und der Weltöffentlichkeit die islamischen Menschenrechtsvorschriften als fortschrittliche Normen zu präsentieren, reiste Herr Tom Koenigs MdB, der Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses des Deutschen Bundestages, auf Einladung seiner iranischen Amtskollegin, Frau Dr. Elahian, in die Islamische Republik Iran.

    http://die-evidenz.de/new2/index.php?option=com_content&view=article&id=73%3Apresseerklaerung-der-botschaft-der-islamischen-republik-iran-in-berlin-&Itemid=1

    http://die-evidenz.de/new2/index.php?option=com_content&view=article&id=73:presseerklaerung-der-botschaft-der-islamischen-republik-iran-in-berlin-

    Soweit die iranische Islamische Diktatur, für die bei ihren „Dialogen“ mit UNO- bzw. UNESCO-Funktionären oder mit reiselustigen deutschen Parlamentariern die Daseinsberechtigung von ungleichbehandelnden (diskriminierenden) Islamischen Menschenrechten gar nicht zur Debatte steht, sondern die Verdopplung der Menschenrechte in „westliche“ und islamische „Menschenrechte“ auf der Agenda steht, also die Überwindung, die Zerstörung der Standards der mühsam erkämpften allgemeinen Menschenrechte.

    Edward von Roy

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