302. Eltern gegen Kinderbeschneidung Teil I Erziehung und Menschenbild

Kindlich unversehrt statt beschnitten auf Elternwunsch

Auch im Namen der Familienfreundlichkeit oder kulturellen Vielfalt kann der säkulare Rechtsstaat die medizinisch unbegründete Beschneidung an einem Jungen nicht legalisieren. Ein Beitrag zum heutigen Kölner Protest Eltern gegen Kinderbeschneidung. Von Edward von Roy am 21. September 2012.

Zwei Zitate vorab, Graumann und Beck:

Wir haben in dieser Frage doch gar kein Verhandlungsmandat. In den fünf Büchern Mose steht nun einmal, dass jüdische Jungen, sofern sie gesund sind, am achten Tag beschnitten werden müssen. Nicht sieben Tage, nicht neun Tage, sondern acht Tage nach der Geburt. Wir selbst können da keine Zugeständnisse machen, da muss man schon mit dem lieben Gott verhandeln.

Dieter Graumann am 03. Juli 2012 zum Kölner Stadt-Anzeiger. „Die ganze jüdische Welt ist betroffen“[1]

Sie dürfen nicht übersehen, dass der Beschneidungsbefehl in der jüdischen Religion und im islamischen Glauben fundamental ist. Die Begründung des Bundes Gottes mit dem Volk Israel und Abraham in Genesis 17 beginnt mit dem Befehl an Abraham, die Kinder des Volkes Israel zu beschneiden, sobald sie acht Tage alt sind. – Da brauchen Sie nicht den Kopf zu schütteln, Frau Kollegin Rupprecht.

Es ist im Rahmen des Grundrechtsausgleichs mit zu erörtern, welchen Stellenwert der Beschneidungsbefehl für diese Religion hat. Und da kommen wir zu dem Ergebnis: Es handelt sich um den ersten Befehl Gottes, der für diese Religion gilt, und er ist das Fundament des Glaubens aller abrahamitischen Religionen. Damit hat er einen sehr hohen Stellenwert. Ein Verbot der Beschneidung jüdischer und muslimischer Kinder würde faktisch bedeuten: Jüdisches Leben und islamisches Leben sind in Deutschland auf Dauer legal so nicht möglich.

Volker Beck am 19. Juli 2912 vor dem Deutschen Bundestag, Plenarprotokoll 17/189[2]

Soweit die beiden für die deutsche Beschneidungsdebatte wichtig gewordenen Meinungen. Wer jetzt die Worte des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden im Zeitungstext sucht, liest, ein bisschen anders als in der Überschrift, nicht: „Die ganze jüdische Welt ist betroffen“, sondern: „Die ganze jüdische Welt fühlt sich im Moment betroffen“.

Betroffen, das heißt in der deutschen Sprache zweierlei, einmal und ganz einfach: etwas ist gemeint, etwas ist jetzt Gegenstand der Betrachtung oder Debatte, und zum anderen kann es heißen: jemand ist traurig, jemand ist schmerzlich gerührt.

Graumann sagt: „fühlt sich … betroffen“, der Religionsfunktionär meint also ausdrücklich auch die Ebene des Emotionalen.

Beides könnte man unterstützen, denn auch wir meinen tatsächlich – als Betrachtungsgegenstand – die beschneidungswilligen Erwachsenen und kritisieren genau sie und niemanden sonst, und auch wir wünschen uns – emotional und einfühlsam – Rührung und Traurigkeit bei den Zirkumzisionsfreunden, allerdings meinen wir nicht Empörung über die Einmischung und Kritik von außen, sondern Trauer über die unnötige Körperverletzung an Kindern, die manche Gottesfürchtige, einer Jahrhunderte oder vielmehr Jahrtausende alten Tradition folgend, auch im 21. Jahrhundert immer noch praktizieren möchten.

Anfang Juli habe Herr Graumann, der sich gerade in Israel aufhielt, „besorgte Anrufe und Mails aus den USA und vielen anderen Ländern der Welt“ erhalten:

Alle fragen mich: Sollen Juden in Deutschland nun nicht mehr leben können?

Natürlich sollen kleine jüdische Jungen überall auf der Welt und auch in Deutschland leben können, aber eben körperlich unversehrt – und das heißt unbeschnitten.

Der Zentralratsvorsitzende unterstellt Beschneidungsgegnern Kaltherzigkeit. Wir beurteilen kindliche Genitalien als unbedingt schützenswert und nicht zu versehren:

Hinter dieser Beurteilung verbirgt sich eine kalte Gefühl- und Respektlosigkeit gegenüber Religion.

Religion ist auch mal Steinigung, insofern respektieren wir Religion tatsächlich nicht pauschal. Ansonsten kann man doch wohl auch Herrn Graumann einen Mangel an Empathie attestieren, der sich auf einen angeblich vom Himmel herab gekommenen Befehl beruft und den die Schreie des beschnittenen Säuglings kalt lassen und gar nicht rühren.

Dieter Graumann, der gerne verschweigt, dass die Mehrheit der männlichen deutschen Juden gar nicht beschnitten ist und wahrscheinlich auch noch glücklich damit, erweist sich als gehorsamer Diener der literalistischen, der wortwörtlichen Lesart heiliger Texte:

Wir haben in dieser Frage doch gar kein Verhandlungsmandat. In den fünf Büchern Mose steht nun einmal, dass jüdische Jungen, sofern sie gesund sind, am achten Tag beschnitten werden müssen. … Wir selbst können da keine Zugeständnisse machen, da muss man schon mit dem lieben Gott verhandeln.

Das Heil der Seele stehe also aus dem Spiel, und Heilsverlust spüren die globalen Fundamentalisten, auch die Christen unter ihnen, als ewige Verdammnis und, mindestens im Islam, als ewigen Aufenthalt im schrecklichen Nār, d. h. im Feuer von al-Dschahannam, der Hölle.

Mit Billigung von Schulministerin Sylvia Löhrmann ist in Nordrhein-Westfalen ab 2012 die Angst vor dem, was satanisch (heilsgefährdend) oder nadschis (rituell unrein) ist, offensichtlich pädagogisch wertvoll, ins Schulleben zu integrieren und versetzungsrelevanter Lernstoff im Islamischen Religionsunterricht.

Im Judentum wie auch im Islam ist die Frau, die gerade ihre Tage hat, rituell verunreinigt und darf als Muslima beispielsweise den Koran nicht berühren. Der männliche jüdische Neugeborene ist durch seine Geburt und den Kontakt mit dem mütterlichen Blut oder bereits den Kontakt mit dem mütterlichen Körper weiblich verunreinigt – für die Dauer von genau sieben Tagen. Erst nach Ablauf dieser Frist, am achten Tag, macht ihn das Beschneidungsritual vor dem Schöpfergott rein und nimmt ihn in den Männerbund auf.

Seit Jahrtausenden wird das Heilige maskulin verwaltet – aus keinem anderen Grund dürfen bis heute bei allzu vielen katholischen Kirchengemeinden Mädchen nicht Messdiener werden. Auch der unbeschnittene jüdische oder muslimische Mann ist rituell nicht rein und setzt, wer weiß, die Reinheit der Ehefrau und das Seelenheil der Kinder aufs Spiel.

Die Beschneidung des Jungen hat also äußerst viel mit der bei Frauen angeblich stets besonders prekären rituellen Reinheit bzw. Tahara (arab. ṭahāra, Adjektiv ṭāhir, hebr. Tahara, Adjektiv tahor) zu tun. Unreinheit ist im Islam Nadschasa (naǧāsa, Adjektiv naǧis), hebräisch Tumah (Adjektiv tame).

Die Muslima ist permanent von naǧāsa bedroht, das liegt doktrinär vor allem bereits an ihrer Monatsregel. Die Menstruation der Frau wird im öffentlich zu kontrollierenden Islam, wie ihr Kopftuch oder vielmehr Schleier (ḥiǧāb, parda), ein Politikum allerersten Ranges. Der Frau wird damit ihre Weiblichkeit zum Vorwurf gemacht, ihr bloßes Frausein grenzt an das Ekelhafte und Teuflische und könnte den Ehemann und den heiligen Text beschmutzen. Das ist beides, echte monotheistische Religion und extremer Patriarchalismus und Sexismus. Und das ist ein Frauenbild und Männerbild (und auch ein Gottesbild), das in der kulturellen Moderne nichts zu suchen hat.

Denn auch den Mann bedrohe das rituell Unreine, meinen manche Gelehrte, und noch die feinsten Partikel von selbst dem molekularen Bereich zuzurechnenden Verunreinigungen (ǧanabāt) nach vollzogenem Geschlechtsverkehr oder aber Atome des eigenen Urins könnten unter der Vorhaut haften bleiben und von dort aus, weiß Gott, das Gebet des Muslim ungültig machen.[3] Sicherheitshalber ist daher im Islam die Vorhaut zu entfernen, prophetisches Vorbild ist die Beschneidung sowieso.

Andere geistliche Autoritäten befinden, dass das rituelle siebenmalige Umkreisen (Ṭawāf) der Kaaba in Mekka nur für den Beschnittenen Gültigkeit habe. Auch das spreche für die Notwendigkeit der Zirkumzision.[4]

Sauber ist nicht rein. Der Gottlose mag sauber sein, doch nur der seinen Glauben Praktizierende ist mit sorgsam eingehaltener großer ritueller Waschung, Ghusl (ġusl) oder kleiner ritueller Waschung, Wudu (wuḍūʾ, persisch ābdast) zusätzlich für eine gewisse Zeit rein.

Wer im 21. Jahrhundert immer noch seine Söhne ohne medizinischen Grund beschneidet, will, dass alle Kinder lernen, das Reine und Heilige angestrengt zu suchen sich vor dem Unreinen und Nichtreligiösen zu ekeln. Kinder sollen aus Sicht der Fundamentalisten lernen, dass man vor Gottes Strafe im Diesseits und im Jenseits große Angst haben muss.

Zwar ist die Hölle kein Thema im Tanach, in der Hebräischen Bibel (mit ihren Hauptteilen Tora / Weisung, Nevi’im / Propheten und Ketuvim / Schriften), doch versichert uns beispielsweise das (zwischen 130 und 68 v. Chr. entstandene) Buch Henoch die Existenz der Hölle.

Aufenthaltsort der Verstorbenen sind demnach vier tiefe Hohlräume, drei dunkel, einer hell; in den Dunkelkammern leiden die Sünder, die helle Abteilung ist den Gerechten vorbehalten. Engel führen die Ungerechten dem Richtplatz zu und der grausame Rest ist allen Katholiken oder Koranlesern inhaltlich bestens bekannt:[5]

Entsprechend der Taten der Bösen werden sie in lodernden Flammen brennen, schlimmer als Feuer (100.9).

niemand wird ihnen helfen (100.4).

Und sei dir bewusst, dass sie [die Engel] eure Seelen in den Sheol bringen werden und sie [die Seelen] werden Böses erleiden und eine schwere Prüfung durchzustehen haben, in Dunkelheit, Fesseln und brennenden Flammen (103.7).

Zwar verzichtete der angesehene mittelalterliche jüdische Denker Moses Maimonides auf das Höllenmotiv und gab unumwunden zu, das männliche Geschlechtsorgan ein bisschen zerstören und schwächen zu wollen, versteckte sich aber ebenfalls hinter dem – von Volker Beck in die Bundestagsdebatte eingebrachten – himmlischen Beschneidungsbefehl.

Es stimmt aus Sicht der Literalisten, der Freunde der Wortwörtlichkeit: Moses hat seine Gesetzestafeln vom Himmel erhalten und auch der Koran ist dem Propheten von Allah oder Dschibril diktiert oder jedenfalls eingeflüstert worden. Und es stimmt wirklich, auch wenn Herr Volker Beck es anscheinend manchmal vergisst: unsere demokratischen Gesetze und die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen vom Menschen, also auch vom Menschen im Kindesalter, sind nicht vom Himmel gefallen.

Die britisch-jüdische Ärztin und Psychotherapeutin Jenny Goodman warb schon vor sechzehn Jahren dafür, die Beschneidung aufzugeben:[6]

Ich bin zuversichtlich, dass mein Volk so viele lebensbejahende, lebensfreudige und erkenntnisbringende Traditionen hat, dass unsere Identität und kulturelle Selbstachtung ohne Probleme überleben wird, wenn wir über die Beschneidung hinauswachsen, die ein grausames Relikt ist, das ich immer als eine Abweichung vom Herzen meiner Religion empfunden habe.

Volker Beck fällt den jüdischen und muslimischen Säkularen in den Rücken und bekundet im Plenarsaal sein Interesse an himmlischen juristischen Vorgaben:

Es ist im Rahmen des Grundrechtsausgleichs mit zu erörtern, welchen Stellenwert der Beschneidungsbefehl für diese Religion hat. Und da kommen wir zu dem Ergebnis: Es handelt sich um den ersten Befehl Gottes, der für diese Religion gilt, und er ist das Fundament des Glaubens aller abrahamitischen Religionen.

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen und menschenrechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion versteht es offensichtlich als seine Aufgabe, Koran und Hadith zu lesen beziehungsweise Genesis und Maimonides. In einem säkularen Staat jedoch hat ein Politiker theologische Dogmen gar nicht mit dem Grundgesetz abzugleichen, jedenfalls nicht auf Kosten des Grundgesetzes.

Auch besondere Gottesfurcht entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.

Das Urteil des Kölner Landgerichts hat endlich für Klarheit gesorgt und die Beschneidung als eine Körperverletzung definiert, in die auch die Eltern nicht einwilligen können.

Jetzt versuchen die Beschneidungslobbyisten diese gründliche – und mutige – Arbeit der Kölner Richter in Frage zu stellen und behaupten unbegründet, das Kölner Urteil würde Rechtssicherheit gerade verhindern.

Bereits im Juni sagte Volker Beck:[7]

Wir müssen uns darüber Gedanken machen, ob wir die Religionsfreiheit der jüdischen und muslimischen Glaubensgemeinschaft besser schützen müssen.

Da fragt man sich doch: Vor wem oder vor was soll die so genannte Religionsfreiheit geschützt werden – vor den Demokraten oder vor dem Grundgesetz?

Im selben Bericht (Der Spiegel) wurde glücklicherweise auch die Vorstandsvorsitzende der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes zitiert. Irmingard Schewe-Gerigk lobte das Gerichtsurteil aus Köln, das deutlich mache:

dass die körperliche Unversehrtheit von Kindern nicht mit religiösen Argumenten verletzt werden darf

Danke an Terre des Femmes für diese eindeutige Positionierung. Es ist sehr bezeichnend, dass eine Bewegung für die Rechte von Frauen und Mädchen 2012 die Arbeit leistet, an die sich Deutschlands Lehrer, Erzieher, Jugendverbände und vor allem Jungenarbeiter immer noch nicht herantrauen. Hochschulen für Soziale Arbeit, Städtische Jugendämter, Wohlfahrtsverbände wie Arbeiterwohlfahrt oder Der Paritätische, sie alle schweigen seit Jahren feige zum Tabuthema Nummer eins Jungenbeschneidung. Das muss sich ändern, in die Ausbildung von Erziehern, Lehrern und Sozialarbeitern muss eine ebenso höflich wie eindeutig beschneidungsablehnende Beratungsarbeit integriert werden, denn nur so kann die körperliche Gesundheit des männlichen Kindes integriert werden. Die gegenmodernen Traditionalisten und die religiösen Freunde der Wortwörtlichkeit werden selbstverständlich Widerstand leisten im Namen des gefährdeten friedlichen Zusammenlebens der Kulturen oder des Elternrechts auf religiöse Prägung des Kindes.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der heutigen zweistündigen Protestveranstaltung Eltern gegen Kinderbeschneidung haben nicht geschwiegen und lassen von kulturrelativistischen oder orthodox-religiösen Argumenten nicht beeindrucken, und dafür danke ich allen Anwesenden. Dutzende Kölner Passanten traten heran und ließen sich gerne informieren, nur drei oder vier Vertreter der Spezies entgrenzter Fremdenfreund schrien: ihr seid Nazis, oder: ihr seid Antisemiten und waren nicht bereit, die Aufklärungsbroschüren entgegenzunehmen. Diese Verteidiger offensichtlich irgendwie exotischer Initiationsrituale würden einem rheinischen Katholiken die Kinderbeschneidung verbieten und einem Menschen aus dem Nahen Osten erlauben – das ist Ungleichbehandlung.

Terre des Femmes kurz genannt TdF hat seit zwei Jahrzehnten in der deutschen Öffentlichkeit eine ganz bewundernswerte Aufklärungsarbeit zur grausamen weiblichen Genitalverstümmelung geleistet, zur so genannten FGM (female genital mutilation). In dieser Stunde werden weltweit 300 Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt, am heuten Tag sind das 8000 Mädchen.[8]

Kein Kind kann etwas dafür, dass es als Mädchen oder Junge geboren wird. Jedes Kind hat das Recht auf ein Leben mit unversehrten Genitalien und, zwei oder drei oder vier Jahrzehnte später, auf eine uneingeschränkte Sexualität als Erwachsener.

Grundsätzlich können wir die Leistungen der weltweiten Arbeit gegen FGM also auch auf die rituelle Jungenbeschneidung übertragen; man denke nur an die erfolgreiche TdF-Kampagne „Kein Schnitt ins Leben“[9] – auch übertragen auf die 2012 von Dieter Graumann, Volker Beck, Guido Westerwelle oder Angela Merkel verteidigte Zirkumzision oder Jungenbeschneidung wäre das ein guter Kampagnentitel: „Kein Schnitt ins Leben.“

Islamische Beschneidung, Chitān (Chatna) oder türkisch Sünnet genannt, ist Pflicht oder jedenfalls Allahs nachzuahmende Sunna. Beschneidung ist damit Teil der Scharia.

Unsere Politiker in den Landtagen und im Bundestag trauen sich an das Thema Scharia nicht heran. Wenn sie es endlich einmal tun werden, müssen wir verhindern, dass das Islamische Recht mit Juristen wie Mathias Rohe oder Abdullahi an-Na’im erfolgreich und tatsachenwidrig als irgendwie menschenfreundlich und pauschal demokratieverträglich dargestellt wird.

Die Scharia ist totalitär und nicht reformierbar, weil sie – ihrer seit Imam al-Ghazali und wohl schon seit Mohammed verewigten Doktrin nach – erstens das menschliche Verstehen übersteigt und zweitens gar nicht von einem Menschen geschaffen worden ist. Allah selbst habe die Scharia geschaffen.

Die Chefideologen und Aktivisten der Islamischen Wiedergeburt, des Islamic Revival – die Parteigänger der Scharia, von Ali Schariati bis Naquib al-Attas – sagen zwar „westlich“ und „der Westen“, doch was sie meinen und angreifen, sind die Standards der allgemeinen Menschenrechte vom 10. Dezember 1948, denen die OIC seit 1990 bekanntlich ihr Menschenrechtskonzept entgegenstellt, die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.[10]

Unsere Menschenrechte, auf denen das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland beruht, sind gar nicht „westlich“ oder „östlich, sondern sind, wie der Name schon sagt, allgemein oder universell. Boko Haram in Nigeria kämpft politisch bewusst und spirituell begeistert gegen die Gleichberechtigung der Nichtmuslime und Frauen – ab 1979 machte im Iran Ayatollah Chomeini nichts anderes. Was später auch die afghanischen Taliban auslebten, ist kein Kampf gegen den „Westen“, sondern der Dschihad für die Herrschaft Allahs – gegen die Meinungsfreiheit, gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau und nicht zuletzt gegen die Wissenschaft.

Wer gegen die rituelle Jungenbeschneidung ist, hat die Wissenschaft auf seiner Seite. Und auch Wissenschaft gibt es nur im Singular und ist unteilbar. Es gibt keine „westliche Wissenschaft“ oder „islamische Wissenschaft.“

Auch Menschheit oder Menschlichkeit gibt es nicht im Plural. Viele Traditionen oder Völker Afrikas oder Australiens haben die MGM (male genital mutilation) oder Jungenbeschneidung im Programm, und auch diesen nach Deutschland einwandernden Eltern aus den Ethnien der Xhosa oder Aboriginees hat der Rechtsstaat die Kinderbeschneidung zu untersagen – durchaus gar nicht kultursensibel, und gar nicht tolerant.

Auch im Rahmen der Beschneidungsdebatte wird – wir kennen das seit dem Kopftuchstreit oder Karikaturenstreit – immer wieder das friedliche Zusammenleben der Kulturen beschworen, gemeint ist die Erlaubnis des Kopftuchs und das Verbot der Islamkritik. Im säkularen Staat leben aber gar keine „Kulturen“ zusammen, sondern Staatsbürger bzw. Bürger. Den Einwanderer – oder den deutschen Juden oder deutschen Muslimen – juristisch folgenreich in eine angeblich fremde, angeblich ganz andersartige „Kultur“ einzusperren ist letzten Endes reinster Rassismus! Gerade wir als – global vernetzte – Beschneidungsgegner wollen und fördern die wirklich ernst gemeinte Integration.

Wer 2012 die rituelle Zirkumzision an Minderjährigen fordert, will ein Menschenbild verankern und politisch durchsetzen, das auf Reinigung und Verunreinigung beruht, auf der heilssichernden Ṭahāra und der ekelhaften und zur Hölle führenden Naǧāsa. Das ist ein Angriff auf das mühsam gegen die Macht der Religion errungene Menschenbild kultureller Moderne, gegen das Bild des Menschen, wie es von Renaissance, Aufklärungshumanismus und Psychoanalyse gefunden worden ist und die Wirkmacht der bösen Geister aus Stadtkultur und Gesetzgebung verdrängte.

Gegner der rituellen Jungenbeschneidung gibt es überall auf der Welt, unter Atheisten, Christen, Juden, Muslimen und Ex-Muslimen. Gegner der rituellen Jungenbeschneidung gibt es erfreulich oft unter Frauen und – man staune – sogar unter Männern (meistens lassen die Männer ihre Schwestern und Mütter die emotionale Arbeit erledigen oder die männlichen Missetaten in Ordnung bringen; allzu oft gilt daher der freche Satz: Das Patriarchat bauen die Frauen – die Männer sind auch dazu zu faul).

Leider sind viele Frauen auch auf der gegnerischen Seite aktiv – für die Legalisierung der Jungenbeschneidung. Eine davon ist offensichtlich Alice Schwarzer, die die Beschneidung für eine „sehr, sehr geringe“ Verletzung hält und „hygienische Gründe“ für die Routinebeschneidung an Jungen anführt. Beides ist wissenschaftlich ausreichend widerlegt.

Ich komme zum Schluss.

Es geht nicht um einen Kampf der Kulturen und schon gar nicht um einen Krieg Orient gegen Okzident, sondern es geht um den Widerspruch zwischen Kollektivismus und individueller Freiheit.

Es geht um den Kampf zwischen Gottesstaat und Aufklärungshumanismus, zwischen dem erneuerten Mittelalter und der kulturellen Moderne. Diese Grenze verläuft nicht zwischen den traditionsreichen Religionen, sondern mitten durch sie hindurch, sie trennt also nicht die Juden von allen Nichtjuden oder die Muslime von allen Nichtmuslimen, sondern sie trennt die monotheistischen Säkularen von den Anhängern der Wortwörtlichkeit.

Und sie trennt den säkularen Rechtsstaat von Halacha und Scharia.

Edward von Roy

Q u e l l e n

[1] Dieter Graumann am 03. Juli 2012 zum Kölner Stadt-Anzeiger. „Die ganze jüdische Welt ist betroffen“

http://www.ksta.de/politik/dieter-graumann–ganze-juedische-welt-ist-betroffen-,15187246,16539572.html

http://www.zentralratdjuden.de/de/article/3729.html

[2] Volker Beck am 19. Juli 2912 vor dem Deutschen Bundestag, Plenarprotokoll 17/189

http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/17/17189.pdf

[3] 24. If a drop of urine or pre-coital fluid comes out from the urinary passage, but remains within the foreskin, even then wudu will break. In order for wudu to break, it is not necessary for any liquid to come out from the foreskin.

25. If a man’s organ touches the private part of a woman and there is no cloth or any such barrier between them, wudu will break. Similarly, if the private parts of two women touch each other, wudu will break. But to indulge in such acts is a very serious sin. In both instances, whether any fluid comes out or not, wudu will break.

28. That substance whose discharge causes wudu to break is regarded as najis (impure) …

32. It is not permissible to touch the Quran without wudu. But if it is touched with a cloth which the person is not wearing, then it will be permissible.

ZEWAR BAHISHTI: HEAVENLY ORNAMENTS, BY MOULANA ASHRAF ALI THANWI

http://www.muslimkids.8m.net/TAHAARAH.htm

HAKIM-UL-UMMAT HAZRAT MOULANA ASHRAF ALI THANWI WAS THE RENOWNED PHILOSOPHER AND SCHOLAR OF ISLAMIC JURISPRUDENCE

http://www.muslimkids.8m.net/bahishti.html

[4] Article 121- Ihram of a person who has not been circumcised is correct but his Tawafs and prayers of Tawafs has problem and remains in the state of Ihram, except that he performs circumcision and then performs Tawaf and prayer of Tawaf.

Article 122- If an uncircumcised child is forced to perform Ihram or become Muhrim then his Ihram is correct; but all of his Tawafs has problem. Therefore, this person remains in the state of Ihram and exiting from the state of Ihram becomes hard for him; except that he circumcises and then performs Tawaf or others carry him for performing Tawaf.

The Rites of Umrah al-Mufradah. Rulings of Ihram

http://makarem.ir/websites/english/compilation/book.php?bcc=5003&itg=12&bi=21&s=ct

Ayatollah Makarem Shirazi

http://makarem.ir/websites/english/

[5] Hölle im Judentum, Buch Henoch

http://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6lle#Judentum

[6] Lausanne (Schweiz) 1996. In ihrem Offenen Brief (Open Letter to Fourth International Symposium on Sexual Mutilations) kritisierte die britisch-jüdische Ärztin und Psychotherapeutin Jenny Goodman rituelle Vorhautbeschneidung kleiner Jungen so:

I am confident that my people have such an abundance of life-enhancing, life-affirming and mind-opening traditions, that our identity and sense of cultural self-heed will happily survive our outgrowing of circumcision, a cruel relic which has always felt to me like an aberration at the heart of my religion.

http://www.cirp.org/pages/cultural/goodman.html

[7] Der Zentralrat der Juden hatte das Urteil bereits am Dienstag als beispiellosen und dramatischen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften kritisiert. Zentralratspräsident Dieter Graumann sagte: „Diese Rechtsprechung ist ein unerhörter und unsensibler Akt.“ …

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) äußerte sich ähnlich. Man sehe in dem Urteil „einen eklatanten und unzulässigen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften und in das Elternrecht“, teilte der Verband mit. Religionsfreiheit sei ein sehr hohes Gut und dürfe nicht Spielball einer eindimensionalen Rechtsprechung sein, die bestehende Vorurteile und Klischees weiter verfestige, sagte der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek. …

Muslime fühlen sich kriminalisiert

Der Spiegel 27.06.2012

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/islamische-religionsgemeinschaft-kritisiert-beschneidungsurteil-a-841234.html

[8] Terre des Femmes

http://frauenrechte.de/online/index.php/themen/weibliche-genitalverstuemmelung.html

[9] Kein Schnitt ins Leben

http://www.anjaroehl.de/kein-schnitt-ins-leben/

[10] Universal Human Rights and „Human Rights in Islam“, By David Littman

http://www.dhimmitude.org/archive/universal_islam.html

3 Antworten to “302. Eltern gegen Kinderbeschneidung Teil I Erziehung und Menschenbild”

  1. Kalevala Says:

    ::

    Positionierung der jüdischen spirituellen Führer (Rabbiner) zur oral-genitalen Beschneidung; historische Entwicklung bis 2012, wie es zur Metzitzah B’Beh kam; Diagramm:

    http://failedmessiah.typepad.com/.a/6a00d83451b71f69e2017d3bf9fa37970c-pi

    Mein Verdacht: statt Desinfektionsmittel wird dieses pflanzliche Präparat hier benutzt, „nicht sauber, dafür rein“, also sozusagen bakterienverseucht koscher … Cuminpulver, d. i. ein gewisser aromatischer Kümmel:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzk%C3%BCmmel

    ::

  2. Cees van der Duin Says:

    Ein gewaltsames Zurückziehen der Vorhaut eines Jungen kann Verletzung und Narbenbildung erzeugen und muss deshalb unterbleiben. Doch immer noch wabern gesundheitsgefährdende Mythen zum Thema Zurückziehbarkeit der Vorhaut auch durch Sozialarbeit und Sozialpädagogik. Der dänische Kinderarzt Jakob Øster (1968) forschte grundlegend und sorgfältig, Hiroyuki Kayaba aus Japan bestätigte seine Daten:
    ::

    The normal development of the prepuce beyond age 5 was first documented by Jakob Øster, a Danish pediatrician, who published his work in 1968. … Øster, a school health officer, was responsible for the physical examinations of large numbers of boys of school age. Neonatal circumcision is not practiced in Denmark, so all of the boys were intact. Øster conducted examinations of boys aged 6 to 17 years old from school year 1957-58 through 1964-65.

    aus der wichtigen Untersuchung:

    Total percent non-retractable
    [Vorhaut noch gar nicht zurückziehbar, in Prozent – bei den Elfeinhalbjährigen also immer noch etwa jeder zweite Junge]

    Age 10-11 56%
    Age 12-13 40%

    Total percent retractable
    [zurückziehbare Vorhaut in Prozent, von den Fünfzehneinhalbjährigen immerhin 15 Prozent noch nicht]

    Age 8-9 34%
    Age 14-15 85%

    Hiroyuki Kayaba (1996)

    Kayaba, a Japanese doctor, recorded the findings on examination of 603 Japanese boys. … Kayaba’s work refutes the findings of Gairdner and confirms the work of Øster. Kayaba reported that about 40 percent of boys in the 8-10 age group are fully retractable, this leaving about 60 percent with some degree of non-retractability, He also reported that 62.9 percent of the boys in the 11 to 15 year old age group had completely retractable prepuces, thus leaving 37.1 percent with some degree of non-retractability. The prepuce is still developing in the 11-15-year-old group. Kayaba’s findings are similar to those of Øster.

    Kayaba made no reports beyond age 15.

    Kayaba’s report thus confirms the work of Øster; we see that full retractability is not reached by about 1/2 of boys until the teen-age years. This is normal, and treatment is usually not required.

    Quelle:
    Normal development of the prepuce: Birth through age 18
    CIRP

    http://www.cirp.org/library/normal/

    ::

  3. Edward von Roy Says:

    ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt

    its only foundations are habit and fear
    ::

    Abraham Geiger (geboren am 24. Mai 1810 in Frankfurt am Main; gestorben am 23. Oktober 1874 in Berlin) war ein deutscher Rabbiner und zeitweise durchaus ein entschiedener Beschneidungsgegner.

    Am 18.03.1845 schrieb Abraham Geiger privat an Leopold Zunz:

    „[die Beschneidung] verbleibt ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt, und das Opferbewusstsein, das sonst dem Akte eine Weihe gab, ist doch nun einmal bei uns verschwunden, wie es denn, als ein rohes, auch keine Befestigung verdient.“

    http://www.archive.org/stream/abrahamgeigersn01kircgoog/abrahamgeigersn01kircgoog_djvu.txt

    http://www.archive.org/stream/lbi_kobler_mf760_reel15/lbi_kobler_mf760_reel15_djvu.txt

    auch bei Jérôme Segal S. 217

    http://jerome-segal.de/Publis/SEGAL-Beschneidung-Maerz2014.4-12.pdf

    Another Reform leader Abraham Geiger (1810-1874), who led reform groups in Breslau, Frankfurt and Berlin, called circumcision „a barbaric act of blood-letting rite“

    http://www.the-jewish-story.org/germany.html

    http://www.aish.com/jl/h/cc/48955721.html

    The fact remains that it is a barbaric, gory rite which fills the infant’s father with fear and subjects the new mother to harmful emotional strain. The sense of sacrifice, which in days long past lent an aura of consecration to this ceremony, has long since vanished from our midst; nor is so brutal a thought deserving of perpetuation. True, in the olden days religious sentiment may have clung to it; at present, however, its only foundations are habit and fear, and we surely have no desire to dedicate temples to either.

    http://www.israel613.com/reform.htm

    טורים, מחקרים בהיסטוריה ותרבות יהודית מוגשים לד“ר ברנרד לנדר
    von: Michael A. Shmidman, Bernard Lander
    p 20

    https://books.google.de/books?id=K7fYHDDQ_FkC&pg=PA20&lpg=PA20&dq=%22The+fact+remains+that+it+is+a+barbaric,+gory+rite+which+fills%22&source=bl&ots=BTDSwJt05K&sig=Hxcz1pWfoY0jCEaQzPdJGfukJsU&hl=de&sa=X&ved=0CCMQ6AEwAGoVChMI8_Tj1NqIyQIVhnsOCh32cwYH#v=onepage&q=%22The%20fact%20remains%20that%20it%20is%20a%20barbaric%2C%20gory%20rite%20which%20fills%22&f=false

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s